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ERP-Podcast
#58 - Technologiemigration Teil 1 – Unternehmenssoftware im Wandel der Zeit - ein Interview mit Arnold Katerle-Böhm, Geschäftsführer und Gründer der SE Padersoft GmbH & Co. KG
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Die Entwicklung eines ERP-Systems ist aufwändig und sehr teuer. Dennoch ist es für den ERP-Hersteller notwendig, die technologischen Neuerungen und Weiterentwicklungen im eigenen System auch nachzuvollziehen. Im Interview mit Arnold Katerle-Böhm, Gründer und Geschäftsführer des Softwareherstellers SE Padersoft mit rund 20.000 ERP-Anwendern im Groß- und Einzelhandel, spreche ich über die wechselvolle Geschichte der Technologien und den Spagat von Softwareunternehmen zwischen betriebswirtschaftlichen Kundenanforderungen und technologischen Innovationen.

Sie erfahren im ersten Teil des Interviews,

Viel Vergnügen.

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Wenn Ihnen unsere Folgen gefallen, dann freuen wir uns über eine 5-Sterne-Bewertung auf Ihrer Wunschplattform, damit auch andere auf diesen Podcast aufmerksam werden und wir das Angebot weiter verbessern können. Zeitaufwand: 1-2 Minuten.

In diesem Sinne: keep connected.

Herzlichst
Ihr
Axel Winkelmann

Transcript:

ERP-Podcast, Folge 58. Technologie-Migration. Unternehmenssoftware im Wandel der Zeit.

Ein Interview mit Arnold Katerle-Böhm, Geschäftsführer und Gründer der SEPADA Soft GmbH und Coca-Coa. Die Entwicklung eines ERP-Systems ist aufwendig und sehr teuer. Dennoch ist es für den ERP-Hersteller notwendig, die technologischen Neuerungen und Weiterentwicklungen im eigenen System auch nachzuvollziehen.

Im Interview mit Arnold Katerle-Böhm, Gründer und Geschäftsführer des Softwareherstellers SEPADA Soft, mit rund 20.000 ERP-Anwendern im Groß- und Einzelhandel, spreche ich über die wechselvolle Geschichte der Technologien und den Spagat von Softwareunternehmen zwischen betriebswirtschaftlichen Kundenanforderungen und technologischen Innovationen. Sie erfahren im ersten Teil des Interviews, wie viele Mannjahre Entwicklungsarbeit in einer modernen Unternehmenssoftware stecken, wie sich Anforderungen im Laufe der Zeit verändern und wie moderne Softwareunternehmen mit den technologischen Herausforderungen heute umgehen. Viel Vergnügen.

Herzlich willkommen zum ERP-Podcast. Dem Podcast für alle, die sich aktiv mit dem Einsatz und der Gestaltung von Unternehmenssoftware und den daraus entstehenden Veränderungen und Potenzialen in Unternehmen auseinandersetzen wollen. Mit diesem Podcast möchte ich Sie mit eigenen Gedanken und Interviews bei der Gestaltung moderner IT-Konzepte nebenbei, also zum Beispiel beim Spazierengehen oder Autofahren, begleiten.

Damit möchte ich Ihnen in dieser von technologischen Veränderungen geprägten Zeit Informationen anbieten, die sich in Zeitschriften, Fachbüchern und wissenschaftlichen Artikeln in dieser Form nicht darlegen lassen und für die sich im hektischen Alltag ohnehin nicht die Zeit findet. Mein Name ist Axel Winkelmann. Ich bin Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg.

So, herzlich willkommen zurück zum ERP-Podcast. Ich habe heute wieder einen ERP-Hersteller in der Leitung, Herrn Arnold Katerle-Böhm, seines Zeichens Gründer, Geschäftsführer der Pardasoft, einem Hersteller für ERP, maßgeblich im Bereich von Handel, Waren, Wirtschaft. Aber was die genau machen, das werden wir gleich selber rausfinden.

Und wir sprechen heute so ein bisschen über das Thema Technologiemigration. Herr Katerle-Böhm, schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Herzlich willkommen.

Gerne. Danke schön, Herr Dr. Winkelmann. Mögen Sie sich zunächst mal vorstellen.

Wer ist Arnold Katerle-Böhm? Ja, das ist jetzt nichts ganz Tolles. Ja, ich bin erst mal Familienvater, bin in Österreich geboren, bin dann mit 12, 13 Jahren nach Karlsruhe gezogen, habe dann einen Beruf gelernt, den ich nie ausgeführt habe, weil ich den nicht mochte, nämlich Werkzeugmacher bei Daimler Benz. Und bin dann von da aus zu IBM gegangen, als Servicetechniker.

Das war noch in den Zeiten der Lochkarten, also das ist noch eine saurige Geschichte. Und bin danach nach Paderborn zu Nixdorf gekommen und war dann vier Jahre bei Nixdorf. Und dann kam, wie Sie wahrscheinlich auch wissen, 1981 der erste PC der Welt heraus.

Und dann habe ich geahnt, dass das die Welt verändern wird, was es im Nachhinein ja auch getan hat. Und habe mich dann als Computerhändler selbstständig gemacht. Und in diesem Zusammenhang haben wir dann auch für einzelne Kunden neue Software entwickelt.

Und nach vier Jahren habe ich dann erkannt, dass man mit Hardware kein Geld verdienen kann, wie das heute übrigens auch noch so ist. Und habe dann damals eine Softwarefirma gegründet, nämlich die SEPADA Soft. Und das war jetzt heute vor 32 Jahren.

Damit sind Sie einer der, ja, Pionier kann man schon nicht mehr sagen. Es gab ja einige Unternehmen auch schon, die in den 70er Jahren mit Unternehmenssoftware sehr stark angefangen haben. Aber Sie sind definitiv einer der erfahreneren Unternehmen im Markt für Unternehmenssoftware.

Das stimmt, ja. Jetzt, bevor ich auf die SEPADA Soft gleich zu sprechen komme, jetzt sind Sie in einer Umgebung groß geworden. Heute hat man Silicon Valley.

Heute hat man enge Cluster, wo Startups, wo Digitalisierung stattfindet. Ich glaube, der Ort oder die Region, in der Sie quasi wirtschaftlich groß geworden sind, war damals ja auch so ein Bereich, oder? Ja, also ich hätte es beinahe gesagt, wir haben keinen Silicon Valley, wir haben den Teutoburger Wald hier in der Nähe. Nein, Scherz beiseite.

Es war schon so, dass Nixdorf damals natürlich mit mehreren Tausend Beschäftigten hier in dem relativ kleinen Standort Paderborn die ganze Infrastruktur mitgeprägt hat. Das fing schon damit an, dass man einen Flughafen haben wollte und dass man eine Eisenbahnlinie nach Hannover haben wollte, um zur Messe mit den ganzen Leuten hinfahren zu können. Also die Firma Nixdorf hat dieses Gebiet schon sehr geprägt und im Nachhinein sind ja auch viele Ableger daraus entstanden.

Ja, einer dieser Ableger, haben Sie ja selbst gesagt, Sie waren vier Jahre auch bei Nixdorf, ist dann die SEPADA Soft geworden. Was macht das Unternehmen, oder womit haben Sie angefangen und was macht das Unternehmen heute? Ja, wir haben damals angefangen mit der ersten PC-Kasse, die es in Deutschland gab. Das war damals ja ein Umbruch, sagen wir mal, auf diesem Gebiet und haben dann diese PC-Kasse für ein hier in der Nähe befindlichen Unternehmen entwickelt.

Und diese Firma ist damals 1987 mit dieser PC-Kasse nach Frankfurt auf die Frühlingsmesse gefahren und hat die auf ihrem Stand aufgebaut. Und die Frage kommt nachher nochmal, und da braucht man Glück. Und in diesem Fall hatten wir das große, große Glück, dass ein Unternehmensberater aus München für einen großen Kunden eine komplette Warenwirtschaft suchte und dann unser Kassensystem gesehen hat.

Wenn der jetzt 10 Meter weiter links oder 10 Meter weiter rechts an der Kasse vorbeigelaufen wäre, dann wären wir wahrscheinlich jetzt gar nicht am Telefon zusammen. Und wir haben dann ein halbes Jahr später, oder ein dreiviertel Jahr später, im Bochumer Ruhrpark Center Deutschlands größtes Haushaltswarengeschäft bestückt mit unserer Software. Wir mussten damals auch ein Warenwirtschaftssystem erfinden, weil die wollten 10, 12 Arbeitsplätze und das war damals, wie Sie ja vielleicht noch wissen, unter MS-DOS-Zeiten ja nicht so ohne weiteres möglich.

Also ich muss da mal einhaken, weil mir ist von Ihnen so ein Zitat im Kopf geblieben, das haben Sie wahrscheinlich so als Nebensatz damals gesagt, Sie haben ja als SAPataSoft immer eine wunderbare, ja, große Jahrestagung oder Jahrestreffen mit Ihren Kunden, aber auch mit den Mitarbeitern, ich weiß, von Fußballturnieren, die Sie damals ausgerichtet haben. Und ein Zitat von Ihnen ist mir immer so im Kopf geblieben und das erzähle ich auch gerne meinen Studenten, Sie haben angefangen mit, ja, was ist eigentlich eine Warenwirtschaft? Eine Warenwirtschaft ist was ganz Einfaches, so haben wir uns das vorgestellt, das sind zwei Felder, Preis und Menge. Genau, plus Mehrwertsteuer.

Plus Mehrwertsteuer, die es damals auch schon gab, ja. Ja, so einfach hat das angefangen und wir mussten damals ja in einem Dreivierteljahr eine Warenwirtschaft so weit fertig kriegen, damit die dort arbeiten konnten. Und damals gab es ja nur herstellerspezifische Systeme, da gab es die AS400, die es heute auch noch dauernd ab und an gibt, dann gab es von Dixdorf die 8870 und von Diel Datentechnik und von Ruf und da gab es Unisys aus USA, der war damals der zweitgrößte Computerhersteller der Welt und jeder dieser Firmen hatte mehrere Produktlinien mit unterschiedlichen Betriebssystemen und wir mussten uns damals entscheiden, für welchen dieser Anbieter wir jetzt eine Software machen und da haben wir gesagt, wir machen es für gar keinen von denen, weil damals der erste IBM AT rauskam, der war dann ein bisschen größer als ein PC und damals hat, das weiß man auch heute kaum noch, Microsoft damit das erste Unix-Betriebssystem verkauft, das hieß damals Xenix und dann haben wir auf diesem Intel-Rechner das Betriebssystem Xenix mit draufgebracht und haben dann dort eine SQL-Datenbank uns gekauft aus USA und eine passende Programmiersprache dazu und haben so in einem guten halben Jahr eigentlich, sagen wir mal, aus heutiger Sicht gesehen, rudimentäre Warenwirtschaft hinbekommen.

Und danach ist dieser Markt eröffnet worden und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele Firmen da waren, ganz Deutschland im Handelsbereich hat sich dort aufgehalten. Die hatten einen glitzernden Fußboden da reingelegt, 10.000 Spotstrahler, das war rein von der Optik her schon sensationell und dann standen da eben zwölf Kassen von uns und wir haben im Anschluss daran in den nächsten 2-3 Jahren so viele Aufträge bekommen, dass wir das überhaupt gar nicht mehr schaffen konnten. Also goldene Gründerzeit in Mitte der 80er Jahre.

Das war genau die richtige Stelle. Eine standardisierte Hardware, eine SQL-Datenbank, ein internationales Multi-User-Betriebssystem, das gab es ja vorher gar nicht so in der Form und da sind wir genau richtig mit eingestiegen, nur wir hätten damals schon 30-40 Mal mehr sein müssen. Wenn ich mir den ERP oder den Markt für Unternehmenssoftware, um es ein bisschen weiter zu spinnen, anschaue, dann gibt es ganz, ganz, ganz wenige Unternehmen, die in den 70er Jahren, ein paar Unternehmen, die in den 80er Jahren gegründet wurden, aus heutiger Sicht.

Natürlich war es damals primär. Es gibt sehr, sehr viele ERP und derivative Hersteller, die in den 90er Jahren, so Mitte der 90er Jahre, gegründet wurden und dann gibt es ein paar nach dem Jahrtausend, aber das sind eigentlich nur noch verschwindend geringe. Wie haben Sie das erlebt, diese Phase, Unternehmenssoftware zu entwickeln, die ja eigentlich aus den 80er Jahren kommt? Ja, wir haben das ja so erlebt, dass wir damals fünf, sechs Softwareanbieter hatten.

Damals waren die Hardwarehersteller ja auch noch Softwareanbieter. Nixdorf war ein Hardwarehersteller, hat aber auch seine eigene Software mit dazu geliefert, IBM genauso und dann gab es ja viele, ich will jetzt da keinen Namen sagen, weil ich auch niemandem da jetzt ein schräges Licht bringen will, aber es gab sehr, sehr viele, die damals auch eine gute Software hatten und dann den Sprung auf die moderne, nämlich auf die Windows-Welt nicht geschafft haben, weil das waren damals alles ASCII-Anwendungen. Und eine ASCII-Anwendung unter Windows zu portieren, das ist eigentlich gar nicht möglich oder kaum möglich.

Und wir haben das Riesenglück gehabt, deswegen sage ich jetzt nochmal Glück, wir haben das Riesenglück gehabt, dass unser Programmiersprachenhersteller Mitte der 90er Jahre einen Compiler herausgebracht hat, mit dem man die ASCII-Anwendung in eine Windows-Anwendung kompilieren konnte. Und wenn das nicht gewesen wäre, dann wären wir den gleichen Gang gegangen wie viele andere Unternehmen auch. Die Frage hatten Sie mir auch schon mal gestellt, die kommt nachher vielleicht noch, kann man ganz von vorne anfangen? Das kann man nach 10 Jahren nicht mehr, weil da die finanziellen Mittel dafür gar nicht da sind, weil das ja eine Investitionsentwicklung ist, ohne Auftraggeber, ohne alles.

Und das hätten wir auch nicht geschafft. Wir haben das Glück gehabt, dass das so war und deswegen konnten wir dann auch in die Windows-Welt einziehen. Ich stelle das nochmal zurück, wir kommen tatsächlich gleich noch darauf.

Ich würde mich gerne nochmal aufhalten, also Sie haben mit Kassen angefangen, mit PC-Kassen angefangen. Genau. Das lief wahnsinnig gut, dann kam relativ kurz danach Preis mal Menge dazu, also die ersten Ansätze von Warenwirtschaft, also zum Verständnis Warenwirtschaftssystem, eher für den Handel, eher für nicht produzierende Unternehmen.

ERP ist eher der Terminus technicus für Unternehmen, die letztendlich auch Produktionsfunktion benötigen. Und Ihr Produkt hieß und heißt heute immer noch Unitrade. Genau.

Das ist Ihr zentrales Warenwirtschafts-ERP-Produkt. Genau. Für wen ist das entwickelt? Wer sind Ihre Kunden? Was ist Ihre Zielgruppe? Also unsere Zielgruppe ist der Handel, sowohl der Einzel- als auch der Großhandel.

Wir haben mit dem Einzelhandel hier angefangen, wie ich es eben schon geschildert habe, und haben dann 1991 von der größten Baustoffkooperation Europas dann den Auftrag bekommen, das ganze Großhandel tauglich zu machen, auf Basis der Technologie, die ich eben schon geschildert habe. Das war ein ganz, ganz, ganz, ganz schweres Stück Arbeit, weil der Einzelhandel, da piepst sich an der Kasse ein paar Mal und dann ist das Ding durch. Aber im Großhandel mit Lieferschein und Gebindeumrechnung und welche Funktionen es da alle gibt.

Und dann haben wir gesagt, wir wollen uns als neutrale Handelssoftware aufstellen. Wir wollen auch die Branchenspezifika natürlich bedienen, aber wir wollen eigentlich für alle Handelsbranchen geeignet sein. Und das ist auch heute so.

Wir sind im Gartencenter-Bereich drin, wir sind im Büro- und Schreibwarenbereich drin, wir sind im Stahlhandel drin, im Sanitärhandel, im Elektrohandel und wahrscheinlich sind mir gar nicht alle jetzt eingefallen. Also wir haben uns dann ganz breit aufgestellt, was den Handel angeht. Außer dem Textilbereich, den können wir nicht abdecken, weil der Textilbereich, der ist so speziell und so anders, dass wir da praktisch zwei Systeme entwickeln müssen.

Jetzt haben Sie ein bisschen was zu den Branchen im Einzelhandel und Großhandel gesagt. Können Sie ein bisschen was zu der Größe der Unternehmen, die mit Ihrem System arbeiten, sagen? Ja, also unser kleinster Anwender, der hat vier Arbeitsplätze, der sitzt dann in der Nähe von Heidelberg, hat zwei PC-Arbeitsplätze und zwei Kassen. Und unser größter Anwender hat 3.800 User und hat 110 Standorte.

Und noch ein größerer hat 390 Standorte in Deutschland. Ja, das sind so die von dem Kleinsten bis zum Größten und alles, was dazwischen liegt, halt eben auch. Ich würde mal sagen, in der Mehrzahl liegt es so zwischen 50 und 250 Usern.

Anzahl der Installationen, vielleicht auch ein paar Referenznamen, kann man das sagen? Ja, also zum Beispiel ist die Firma Globus aus dem Saarland, Kunde schon seit über zehn Jahren oder noch länger. Die Firma Bauhaus in Mannheim. Die Firma MacPaper in Berlin, um mal ein paar Größere zu sagen.

Und die kleinen Referenzen, die kennt wahrscheinlich außer dem, der da in der Nähe wohnt, sowieso keiner. Sie haben relativ früh angefangen, ein ERP-System zu entwickeln. Aus Ihrer Einschätzung heraus, also sagen wir, Sie sind da natürlich auch wie jeder, der mal anfängt, recht blauäugig ist das falsche Wort.

Ich suche gerade das Wort. Ja, stimmt. Aber preismal Menge, also so hat, glaube ich, jeder, der ein ERP-System entwickelt hat, mal angefangen und hat sich überlegt, na ja, und Integration ist dann doch ein bisschen komplexer als einfach Masken zu bauen.

Und da entsteht ja eigentlich auch erst der Aufwand des Unternehmensdatens, Fundament des Warenwirtschafts beziehungsweise ERP-Systems. Wenn Sie mal diese Spannbreite anschauen von quasi gestern, also 1986 bis heute, wie aufwendig ist letztendlich die Entwicklung eines ERP-Systems? Gibt es da auch einen Endschritt betriebswirtschaftlich? Nein. Das hat ja heute, da kommt man nachher wahrscheinlich auch noch zu, hat ja heute so viele Zusatzfelder bekommen, branchenspezifisch natürlich auch.

Und das entwickelt sich auch mit den Kunden. Wir haben damals, ich weiß nicht, unsere Filialnummer, die war dreistellig. Und wir haben ja nie gedacht, dass wir mal einen Filialisten bekommen würden, der mehr als 999 Standorte hat.

Das war dann aber kurze Zeit darauf so. Dann hatten wir 1500 Standorte auf der Anwendung drauf. Das war auch technisch gar nicht mehr zu machen.

Wenn da jetzt eine neue Spalte in der Tabelle eingefügt werden musste, die sieben Kilometer lang war, das dauerte drei Tage, bis das alles ausgelesen war, bis die Tabelle getropft wurde, neue Spalte eingefügt, alles wieder eingelesen. Dann haben wir 1994, 95 gesagt, das können wir nicht so weitermachen und haben uns dann für die Oracle-Datenbank entschieden, weil man dort gerade heute während der Laufzeit Spalten, während die User darauf arbeiten, Spalten einfügen und wieder rausnehmen kann und so weiter und so weiter. Also das ist von der technologischen Seite her, es ist ein Wahnsinn, wie sich das heute entwickelt hat.

Können Sie ungefähr einschätzen, wie viele Programmier-Mannjahre in so eine Leistung letztendlich über diese Zeit reingeflossen sind? Also, wenn ich mal den Durchschnitt, wir haben heute ungefähr 70 Mitarbeiter beschäftigt. Wenn ich jetzt mal rückwärts gehe und nehme dann die Hälfte, 30 Mitarbeiter pro Jahr, dann sind das pro Jahr 30 Mannjahre und das mal 30 Jahre, dann kann man sich ungefähr ausrechnen. Also wir kommen bummelig locker auf 800 bis 1000 Mannjahre Entwicklungsarbeit, die in so ein, ich nenne es jetzt mal mittelständisches Warenwirtschaftssystem, ERP-System letztendlich auch reinfließt.

Genau, genau. Ja, das sind Zahlen, wie ich sie auch von anderen Herstellern in der Einschätzung kenne. Ich frage die Zahl deswegen, weil ich glaube, es gibt immer noch Unternehmen, die diese Vorstellung haben, es ist einfach viel günstiger, wenn wir das individuell entwickeln, wenn wir das so entwickeln, wie wir das selber haben möchten.

Genau, genau. Aber das stimmt, bei großen Betrieben ist das auch heute noch so. Da hat man eine IT-Abteilung mit 150 Leuten und die 150 Leute, die wollen natürlich beschäftigt werden und dann wird das Projekt gemacht und das Projekt gemacht, das wird da programmiert und dort programmiert.

Das ist bei den großen Anwendern so. Aber sagen wir mal, im reinen Mittelstand, wo man über 100 User spricht oder 250 User, was ja auch schon ein großer Mittelständler ist, dort kommt diese Idee nicht mehr zum Tragen. Jetzt reden wir also über Standardsoftware, über ein System, was bei ganz vielen Kunden von Ihnen ja letztendlich installiert ist.

Und natürlich ist es so, dass Standardsoftware nie alle Fälle vorgedacht haben kann, nie alle Fälle abdecken kann. Das ist bei jedem Softwareanbieter so. Aber wenn wir mal über diese funktionalen Forderungen von Seiten der Kunden nachdenken, gibt es da bestimmte Dinge, mit denen man umgehen muss, die immer wieder kommen, wo du dich einfach auch dem Kundendruck beugen musst, obwohl es gar nicht vielleicht auch in die eigene Roadmap, in die eigene Weiterentwicklung passt? Das kam am Anfang sehr, sehr häufig vor.

Wenn man noch nicht tief genug in der Branche drin ist, dann kommt natürlich immer die Spezifika der vorherigen Software raus. An meiner alten Software konnte ich aber an der Stelle F5 drücken, und habe das und das gesehen und so weiter. Im Laufe der vielen Jahre jetzt hat sich das deutlich reduziert.

Wir können also heute die Installation, ich will mal sagen, von zehn Installationen können wir sieben so machen, wie sie gerade ist. Da brauchen wir nichts zu ändern, nur die Parameter richtig einzustellen. Bei drei Installationen hat das Unternehmen sich früher schon was reinprogrammieren lassen, was ganz spezifisch und speziell für die war.

Das nehmen wir dann raus und bauen das bei uns auch ein und versehen das Ganze mit einem Schalter, wo man diese Funktion an- und abschalten kann. Alle Änderungen, alle Programmerweiterungen, alles was an der Software gemacht wird, steht allen Kunden zur Verfügung. Es wird auf dem Kundensystem nichts Individuelles geändert.

Alles was neu reinkommt, wird mit einem Funktionsschalter eingebaut. Wenn einer es nicht haben will, dann schaltet er es aus oder lässt es ausgeschaltet. Und der andere, der es gerne haben möchte, der muss es dann nur einschalten.

Wie bestimmt man denn, welche Funktionalität jetzt tatsächlich in ein System auch reinfließen soll? Das sind ja auch letztendlich Programmieraufwände, die man als Softwareunternehmen hat. Oder welche Funktionalität vielleicht auch erstmal zurückgestellt wird? Funktionalitätsanforderung. Ja, es gibt ja zwei treibende Kräfte.

Das eine ist die Kraft aus dem Kundenbereich, von Flensburg bis Wien. Dort kommen immer wieder Sachen hoch, die von den Kunden gewünscht werden. Und die dann auch von den Kunden beauftragt und im Auftrag hineinprogrammiert werden.

Wohlwissend, dass auch alle anderen Kunden das auch nutzen können. Und dann gibt es den zweiten Mainstream, das ist unsere eigene Geschichte. Was wir gerne in dem System hineinbringen würden, da geht es in erster Linie um Innovation.

Also Dinge, auf die der Kunde noch gar nicht gekommen ist. Wo wir aber glauben, dass das jetzt ein echter Fortschritt sein kann. Und dann bauen wir das selber ein oder machen es als Zusatzprodukt.

Bleibt bei den ganzen Anforderungen, die letztendlich kommen, sowohl aus dem Internen als auch aus dem Externen, überhaupt für ERP-Hersteller auch die Zeit, die Technologie selber weiterzuentwickeln? Das können wir nicht, nein. Wir haben im Mitte der 90er-Jahre begonnen, unseren Programmcode komplett in die Datenbank zu verlagern. Das heißt, wir haben außerhalb auf dem Programmserver, wenn man so Server-Architektur typischerweise sieht, haben wir auf dem Client eigentlich nur die Oberfläche liegen.

Die ganzen anderen Module, alles was Bestandsführung, Belegabruf und was auch immer alles gibt, das liegt alles in der Datenbank selber. So können wir heute unseren Profi-Shop, den wir heute haben, oder B2C-Shop, einfach auf diese Funktionen setzen. Wir müssen keinen extra Programmcode dafür schreiben, es geht nur um die Oberfläche.

Und das gilt, sagen wir mal, als Beispiel gilt es im CRM-Bereich genauso. Wir haben uns, als wir uns mit CRM beschäftigt haben, das war ja mal vor 8, 10 Jahren so ein Hype, da müssen wir auch was tun und da haben wir uns Microsoft Salesforce angeguckt und was ich weiß alles und dabei festgestellt, dass es viel zu viele Schnittstellen-Komplikationen gibt, wenn man ein fremdes CRM-System anbindet. Und haben das dann einfach selber gemacht, die ganzen Masken dafür, die Funktionen dahinter, die liegen auch wieder alle in der Datenbank.

Und Oracle entwickelt ja die Datenbank in einer Geschwindigkeit weiter, das ist ja nicht nur die Datenhaltung, sondern das ist ja auch die ganzen Programmiermöglichkeiten, die man da drin hat. Und früher, also ich hatte mal Ärger, wenn ein Zugriff zu lang gedauert hat unter bestimmten Konstellationen, die Datenbank, die heute da ist, die optimiert sich selbst während der Laufzeit, da brauchen wir gar nichts mehr groß tun. Also die Hintergrundhersteller bei uns, die entwickeln für uns mit.

Okay, das heißt, Sie haben quasi aus der Schichtenarchitektur keine eigenständige Business- oder Applikationslogik-Schicht in dem Sinne aufgebaut, sondern das haben Sie alles in die Datenhaltungsschicht verlagert. Genau. Und damit ist die technologische Weiterentwicklung natürlich sehr stark abhängig vom Datenbankhersteller, aber auch eben sehr stark getrieben vom Datenbankhersteller, also Sie skalieren an der Stelle ja auch sehr gut.

Klar, also die haben ja viel mehr Leute als wir bei Oracle und die haben viel mehr Möglichkeiten, an der Datenbank etwas zu tun. Und mit diesem technischen Schritt zu sagen, wir wollen nicht mehr Applikationslogik auf dem Terminal Server liegen haben und so weiter, und wir legen alles in die Datenbank rein und wir kümmern uns nur noch um die Oberflächen, damit haben wir einen guten Schritt gemacht, weil damit sowohl Browser-Anwendungen als auch App-Anwendungen, sondern auch alle anderen Anwendungen, die wir haben, immer originär auf die Datenbank zugreifen. Wenn ich jetzt mal von SAP Hadasoft weggehe, vielleicht mal in die große, weite Welt anderer ERP-Anbieter, die haben ja letztendlich alle das gleiche Problem, dass sich die Technologie rasant weiterentwickelt.

Sie haben es für sich auf diese Art und Weise gelöst. Wie lösen das andere, um technisch aktuell zu bleiben? Also die Anzahl der Mitbewerber, die wir heute im mittelständischen ERP-Umfeld haben, die ist deutlich zurückgegangen. Also ich würde jetzt mal sagen, wenn Sie jetzt im Internet Warenwirtschaft googlen, oder Warenwirtschaftssoftware, da werden Sie wahrscheinlich 400-500 finden, aber da sind auch 480 dabei, die mit 2-3 Arbeitsplätzen arbeiten können.

Aber so richtige, wo man sagen könnte, das sind jetzt gestandene Firmen, die auch bis zu 1.000 Usern jemanden bedienen können, da würden mir jetzt nicht mehr als 5 Stück einfallen. Das heißt, das ist quasi der Verweis darauf, dass es auch sehr, sehr problematisch und sehr schwierig ist, Technologie, die man zu einem bestimmten Zeitpunkt entwickelt hat, dann auch in die Zukunft zu portieren. Genau, da sind viele rausgefallen aus dem Raster, die früher immer bei Ausschreibungen dabei waren, vor 10 Jahren noch oder 15 Jahren, die sehr gute Branchensoftware hatten, nur auf dem technologisch veralteten Stand und die die Kurve nicht gekriegt haben, auf die Neutechnologie zu gehen.

Und das war schade, weil da gibt es zum Beispiel eine Firma, eine Software, die hieß Sangros, die war im Sanitärbereich, bei Sanitärhändlern im Einsatz, die hatten eine riesen Kundschaft, das war eine ganz tolle Ausbreitung in Deutschland. Ja, die haben die Kurve auf die grafische Welt auch nicht gekriegt und sind dann mehrmals vor 3-4 Jahren oder noch länger von einem Mitbewerber aufgekauft worden. Die sind doch mehrfach aufgekauft worden, glaube ich sogar.

Ja, die waren bei Capgemini zwischendurch und dann weiß ich nicht, wo sie dann überall waren. Aber das war eine gute Software, die trifft man übrigens heute noch ein. Wenn also heute eine Ausschreibung kommt und wir fragen, was haben sie denn im Einsatz? Sangros.

Mit Blick auf die Uhr machen wir an dieser Stelle einen Cut in unserem Interview mit Herrn Katerle-Böhm. Ich hoffe, Sie fanden das Interview ebenso kurzweilig wie ich und freuen sich auf die Fortsetzung in der nächsten Woche. Da wollen wir sprechen, warum es vergleichsweise wenige ERP-Neuentwicklungen gibt, wie Kunden am besten mit betriebswirtschaftlichen Neuerungen in einem Software-Update umgehen können und darüber, welche betriebswirtschaftlichen und technologischen Neuerungen zukünftig einen besonderen Stellenwert für Handels- und Geschäftsmodelle haben werden.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Restwoche und hoffentlich hören wir uns wieder in der nächsten Woche. Bis dahin, keep connected. Herzlichst, Ihr Axel Winklmann.

Dort finden Sie auch weitere Hinweise, Links und Aktualisierungen zu dieser Folge. Das war der ERP-Podcast für alle, die sich aktiv mit dem Einsatz und der Gestaltung von Unternehmenssoftware und den daraus entstehenden Veränderungen und Potenzialen in Unternehmen losgelöst von Fachzeitschriften, Büchern und wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Beispiel beim Spazierengehen oder Autofahren auseinandersetzen wollen. Mein Name ist Axel Winklmann.

Ich bin Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg.