Digitaler Multikanal-Einzelhandel in Zeiten von Corona? Heute spreche ich mit dem Gründer der All-in-One-Lösung für Online-Handel Jan Griesel über Corona, E-Commerce aber natürlich vor allem über plentymarkets.
Viel Vergnügen!
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Wenn Ihnen unsere Folgen gefallen, dann freuen wir uns über eine 5-Sterne-Bewertung auf Ihrer Wunschplattform, damit auch andere auf diesen Podcast aufmerksam werden und wir das Angebot weiter verbessern können. Zeitaufwand: 1-2 Minuten.
In diesem Sinne: keep connected.
Herzlichst
Ihr
Axel Winkelmann
Transcript:
ERP-Podcast, Folge 120, zweiter Teil. Herzlich willkommen zum ERP-Podcast. Dem Podcast für alle, die sich aktiv mit dem Einsatz und der Gestaltung von Unternehmenssoftware und den daraus entstehenden Veränderungen und Potenzialen in Unternehmen auseinandersetzen wollen.
Mit diesem Podcast möchte ich Sie mit eigenen Gedanken und Interviews bei der Gestaltung moderner IT-Konzepte nebenbei, also zum Beispiel beim Spazierengehen oder Autofahren, begleiten. Damit möchte ich Ihnen in dieser von technologischen Veränderungen geprägten Zeit Informationen anbieten, die sich in Zeitschriften, Fachbüchern und wissenschaftlichen Artikeln in dieser Form nicht darlegen lassen und für die sich im hektischen Alltag ohnehin nicht die Zeit finden. Mein Name ist Axel Winkelmann.
Ich bin Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg. Herzlich willkommen zum zweiten Teil einer Episode über das System Plenty Markets. Ich freue mich, dass ich auch heute wieder ein bisschen on- und offline reden kann mit Jan Grisel.
Jan Grisel ist der Vorstandsvorsitzende, er ist der Gründer der Plenty Systems AG. Was er macht, haben wir im ersten Teil schon ein bisschen erfahren, aber ich freue mich, dass wir es jetzt gleich nochmal ein bisschen vertiefen können. Herzlich willkommen zurück im ERP-Podcast, Jan Grisel.
Ja, vielen Dank für die erneute Einladung. Ja, ich habe Plenty Markets seinerzeit aus der Traufe gehoben. Ich habe einen Background als Informatiker, also ich habe Informatik studiert, habe dann die Begeisterung entdeckt für den Onlinehandel, hatte dadurch auch die Idee, ein Produkt zu entwickeln, was den Onlinehandel einfacher machen kann und daraus ist die Geschäftsidee entstanden, aus dieser Idee auch wirklich ein Produkt für viele Händler zu machen und das begleite ich bis heute.
Mein Job quasi bei der Plenty Systems AG umschreibt vorrangig die Produktvision und alles, was mit der Bereitstellung in der Cloud zu tun hat. Okay, Plenty Systems AG, Produkt Plenty Markets, was macht das Produkt? Unser Produkt Plenty Markets fokussiert sich vorrangig auf Onlinehändler, die auf mehr als einem Kanal vertreiben möchten. Das heißt, wir sind auch interessant für den stationären Handel, wenn man auch diesen kombinieren möchte mit Online-Vertriebskanälen.
Online-Vertriebskanälen, das können Webshops sein, das können aber auch Marktplätze sein, Amazon, Ebay, Otto, Zalando etc. Das heißt, die üblichen Verdächtigen und wenn man auf diesen unterwegs sein möchte, da hat man einfach unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen. Seien es die Artikeldaten, die Warenbestandsdaten, die Preisinformationen auf die Channels zu bringen, aber natürlich auch die ganzen Aufträge, die man dann dort generiert, auch gebündelt abzuwickeln, egal ob das über ein eigenes Lager ist, über externes Fulfillment oder ähnliches und natürlich dann auch das ganze Warenmanagement drumherum.
Waren müssen beschafft, Waren müssen eingelagert werden etc. Wir kennen uns noch nicht, doch wir haben uns einmal persönlich auch kennengelernt. Ich habe immer so ein Plädoyer für den Abbau, ich nenne das virtueller Puffer.
Also das, was wir in der Logistik, in der physischen Welt eigentlich schon seit 30, 40 Jahren machen, das ist in der virtuellen, in der betriebswirtschaftlichen Prozesswelt noch nicht gang und gäbe. Da haben wir noch viele Mausklicks und viele Todzeiten und viele Ineffizienzen eigentlich, weil die sind nicht so beobachtbar wie in der realen Welt. Jetzt nehme ich aber wahr, dass gerade im E-Commerce die Branchen eigentlich schon relativ weit sind.
Also ich habe es jetzt nicht ganz genau im Kopf, aber so ein stationärer Einzelhändler hat wahrscheinlich so einen Umsatz pro Kopf von, also der macht schon fast auf, wenn es sechsstellig ist, also 100.000. Im E-Commerce kann das durchaus Richtung siebenstellig sein, ist das richtig? Absolut. Das heißt, wir haben natürlich auch im Onlinehandel auch die kleinen Händler. Allerdings ist das über die letzten Jahre deutlich weniger geworden, weil im Durchschnitt jeder Händler über die letzten Jahre immer wieder gewachsen ist, teilweise gut zweistellig, sodass wir heute eine sehr solide Basis von sieben- und achtstelligen und auch höheren Umsätzen haben bei den Händlern.
Das ist eine sehr solide und gute Entwicklung gewesen, ja. Okay, jetzt fange ich also an sozusagen mit so einer E-Commerce Software mir die Welt zu erschließen. Wie fern hilft Ihr System auch dabei Ineffizienzen, gerade auch in den betriebswirtschaftlichen Prozessen, zu reduzieren oder wie viel Aufwand bedeutet das für mich dann auch noch, wenn ich 40 Marktplätze plötzlich bediene? Muss ich das alles per Mausklick selber machen? Sehr gute Frage.
Natürlich haben wir ganz am Anfang die initiale Einrichtung. Das heißt, wir sind ein System, was teilautomatisiert und auch vollautomatisiert Arbeitsprozesse abbilden kann. Allerdings müssen diese initial wie bei jedem anderen System auch einmal definiert und aufgesetzt werden.
Ist das dann geschehen, dann haben wir, gerade wenn es um die Integration von Marktplätzen geht, eine Vollautomatisierung, wenn es um andere Bereiche geht, eine Teilautomatisierung, sodass wir allein durch den Einsatz der Software schon mal Kapazitäten freisetzen, also Arbeitszeit einsparen. Die Ineffizienzen darüber hinaus im normalen Prozess können wir mittlerweile auch, beziehungsweise in nächster Zukunft noch besser sichtbar machen. Durch unser integriertes BI-System, also Business Intelligence Statistik Daten, werden dort analysiert und visualisiert.
Das ist so das große Thema im aktuellen Jahr. Was wir bisher über extern angeschlossene Lösungen sichtbar machen können, das können wir in Zukunft auch in wesentlichen Teilen intern sichtbar machen. Also auch nach der Einführung des Systems geht es natürlich weiter mit der Prozessoptimierung oder sollte weitergehen, damit sich nicht wieder Dinge einschleichen, die am Ende des Tages viel Geld kosten.
Sie haben schon gesagt, was dieses Jahr auf der Agenda steht. Ich gehe noch mal ein Jahr zurück, weil ich glaube, das letzte Jahr war bislang so das spannendste Jahr in Ihrer Firmenhistorie, oder? Das ist in Nachsicht immer ganz schwierig zu sagen, was war jetzt sehr spannend oder weniger spannend. Das letzte Jahr war aber auf jeden Fall sehr spannend.
Ob es das spannendste war, das werden wir sehen. Vielleicht wird dieses Jahr noch spannender. Allerdings von der Produktausrichtung war es eines der spannendsten Jahre, weil wir in der Vergangenheit ausschließlich SaaS-Produkte oder ein SaaS-Produkt vertrieben haben in verschiedenen Größen.
Und im letzten Jahr haben wir diese Produktfamilie erweitert um das erste PaaS-Produkt, also Platform as a Service. Und das in Kombination auch mit neu entstandenen Kooperationen, sagen wir mal, im klassischen ERP-Umfeld. Angefangen mit Proclaim für SAP und dann mit der Cosmo Consult für das Produkt Microsoft Dynamics 365 Business Central, was ein Name.
Da haben wir quasi die beiden großen Welten erschlossen und sind damit auch in der Lage, Projekte in diesem Umfeld mit einem hohen Standardisierungsgrad und damit kürzeren Projektlaufzeiten abzubilden. Und das ist etwas, was uns einfach die Tür geöffnet hat in diesem Marktumfeld der Unternehmen, die diese ERPs heute im Einsatz haben und sich jetzt auch für eCommerce interessieren, dort eben einen großen Schritt nach vorn gehen zu können. Das freut uns.
Wir haben ja ein wahnsinniges Feld von Partnern, von Partnerlösungen, die Sie in Ihre Software, in Ihre Plattform integriert haben. So angefangen von zig Marktplätzen über verschiedenste Shop-Systeme, Versandpartner, die Sie angebunden haben. Im Payment-Bereich seht ihr sogar ein ehemaliges Start-up, was bei mir am Lehrstuhl, mittlerweile kein Start-up mehr, aber was bei mir am Lehrstuhl gestartet ist.
Also viele, viele Partner, die ich quasi auf Fingerklick, Mausklick in Ihrem System für mich als Händler, als eCommerce-Anbieter nutzen kann, richtig? Ja, das ist auch nochmal stärker möglich geworden, seitdem wir eine offene Plattform geworden sind. Also ursprünglich waren wir ganz klassisch ein Monolith und wir waren der oder die Einzigen, die diesen Monolithen erweitern konnten. Dann gab es nach 2015 einen strategischen, wichtigen Wechsel, wo die Entwicklung begonnen hat, die mittlerweile abgeschlossen ist, aus diesem Monolithen eine offene eCommerce-Plattform zu entwickeln.
Mittlerweile sind wir also eine solche Plattform, die erweitert werden kann durch kundenseitig oder partnerseitig entwickelte, wir nennen das Plug-ins. Also quasi Programmerweiterungen, die auch Code-seitig innerhalb unserer Cloud-Umgebung installiert und ausgeführt werden. Das ist nochmal ein ganz wesentlicher Unterschied, weil es einfach Vorteile im Bereich Datenschutz bietet.
Das heißt, wenn man ein Plug-in zur Verfügung stellt, dann wird es auch in der Umgebung betrieben, die man bei uns eingekauft hat. Und das ermöglicht aber wiederum, dass im Partnerumfeld auch einfachere Integrationen hergestellt werden können, sodass eben die Anzahl der Payment-Provider oder Fulfillment oder andere Dienstleister eben sich einfacher und schneller integrieren können. Deswegen haben wir davon auch einige Integrationen.
Das ist alles im Preis inbegriffen oder jeder Partner rechnet dann individuell ab oder rechnet über Sie ab oder wie funktioniert so etwas? Der absolute Regelfall ist, dass man sich bei uns unser Produkt PlentyMarkets und die Bereitstellung, also die Cloud-Umgebung quasi einkauft. Da ist dann der komplette Betrieb der Software inklusive der installierten Plug-ins enthalten. Wenn man nun einen bestimmten Payment-Provider einsetzen möchte, dann hat man einen eigenen Vertrag mit diesem Unternehmen, rechnet dann auch mit diesem Unternehmen entsprechend ab oder das Unternehmen dann mit Ihnen.
Je nachdem, wie viele Transaktionen Sie dort machen und wie viel Umsatz Sie generieren, haben Sie dort eben dann eine eigene Abrechnung oder einen entsprechenden Rechnungsbetrag zu leisten. So ist es auch bei den Marktplätzen. Wir stellen die technische Brücke zur Verfügung.
Wir haben diese Marktplätze integriert, damit sie arbeitsfähig sind. Aber sie haben einen eigenen Vertrag zu einem Amazon, Ebay etc. Und die rechnen mit Ihnen den entstandenen Rechnungsbetrag dann direkt ab.
Jetzt haben Sie das System mal ursprünglich entwickelt. Ich sage mal im Kinderzimmer, in der Studentenbude auf gut Deutsch. Genau.
So habe ich auch mal angefangen. Wenn man so etwas alleine entwickelt, ist man relativ schnell dabei. Man kann permanent die Architektur verändern.
Man hat eine große Spielwiese, sage ich mal. Jetzt sind Sie aber kein kleines Unternehmen mehr, sondern Sie haben durchaus eine stattliche, dreistellige Anzahl an Mitarbeitern, die an dem System entwickeln. Wie entwickelt man so ein System? Oh, das ist hochspannend.
Wir haben die letzten Jahre dort auch einiges gelernt. Wir sind ganz klassisch gewachsen. Das heißt, am Anfang mit einer sehr starken Dynamik, wie Sie das absolut richtig dargelegt haben, war das auch gefühlt alles ganz, ganz schnell.
Und mit der Anzahl der Mitarbeiter, die gestiegen ist, kam dann auch eine gewisse Trägheit rein. Und dann war als Lösungsansatz die Vision, dass wir unser Unternehmen zu einer Beta-Organisation umgestalten, wobei die Produktteams, also die Teams, die einen bestimmten Teil des Produktes verantworten, das auch möglichst eigenverantwortlich und möglichst autark umsetzen können. Das heißt, das Unternehmen wurde radikal umgebaut.
Und es wurden aus Teams quasi Zellen, die ausgestattet wurden mit allen Ressourcen, die nötig waren, um diesen Produktteil vollumfänglich auf die Straße bringen zu können. Das heißt, das sind eben nicht nur Entwicklungskapazitäten, also Softwareentwickler, sondern das ist dann auch, weil wir nach agilen Arbeitsprinzipien arbeiten, gibt es einen Product Owner, der erstmal inhaltlich das Produkt verantwortet, der auch das Backlog, also die zukünftigen Themen, die weiterentwickelt werden sollen, an diesem Teil des Produktes priorisiert. Der steht eng im Austausch mit unseren Anwendern und mit der Community.
Daneben für das Tagesgeschäft gibt es einen Scrum Master. Und wir haben direkt auch die Kundenbetreuung als auch Testing und Dokumentation für das jeweilige Produkt separiert, dann in den Zellen verankert. Und ja, wenn man so einen radikalen Umbau macht, dann ja, ganz erlaubt gesagt, wo gehobelt wird, fallen Späne.
Das war schon ein radikaler Schritt für uns. Hat auch erstmal dazu geführt, dass wir ordentlich uns selbst durchgerüttelt haben, dass wir uns erstmal gut zwei Jahre schon um uns selbst gedreht haben. Mittlerweile haben wir gelernt und haben auch nochmal an 5, 6, 7, 8 Schrauben gedreht, sodass wir mittlerweile sehr gut nach vorne gehen können.
Und das System hat sich dann nach einigen Anpassungen mittlerweile auch bewährt. Das heißt, ein sehr komplexes Produkt mit einer großen Mannschaft. Wir entwickeln hier das Produkt an zwei Standorten, haben in Summe drei Unternehmensstandorte.
Da ist natürlich eine starke Disziplin nötig und ein ganz anderes Erarbeiten und Planen. Und das war dann durch dieses Zerschlagen, sagen wir es mal so, der großen Unit hin zu autark eigenständig agierenden kleineren Zellen, dann der Weg, um die Komplexität beherrschbar zu machen. In welchen Programmiersprachen entwickeln Sie? Das ist mittlerweile sehr vielfältig.
Hängt auch damit zusammen, dass wir durch den Schritt in die Cloud verstärkt auch Microservices einsetzen. Initial ist der Produktkern geschrieben in PHP. Dann haben wir natürlich im Bereich der Frontends nochmal JavaScript-getriebene Technologien im Einsatz.
Das heißt, Frontend der Administrationsüberfläche, da sind wir in Angular unterwegs. Wenn wir uns das Frontend des Shops anschauen, da haben wir als Template Engine Twig, also auch PHP-basiert, und FutureS, also auch eine JavaScript-Technologie. Wenn wir im Bereich der App-Technologie uns anschauen, also die Plenty Markets App, dann sind wir dann eher wieder nativ unterwegs.
Also Objective-C, also Java-Technologie. Und im Microservice-Umfeld, da kommt dann auch mal als Dialekt oder als Framework wieder Node.js, also auch wieder JavaScript oder TypeScript zum Einsatz. Das wird tendenziell eher alles breiter, weil früher ging man dann eher davon aus, es gibt so eine führende Technologie, und mit dieser führenden Technologie wird bitte alles gemacht.
Und mittlerweile ist auch dort ein Umdenken, nicht nur bei uns, sondern generell in der Branche, hat stattgefunden, dass man nach Workload, also nach der Sache, nach der Anforderung, dann auch erstmal die optimale Technologie aussucht. Das hat eben auch zu einer heterogenen Architektur beziehungsweise Technologielandschaft geführt, was aber absolut zielkonform ist. Okay, das eine ist die Technologie.
Ich denke mal, das an sich ist schon eine wahnsinnige Herausforderung. Jeder, der im Software-Bereich ist, weiß, wie schwierig das ist, Teams zusammen zu finden, überhaupt Mitarbeiter zu finden, um solche Teams zu bilden. Jetzt haben wir natürlich im ERP-Bereich noch eine zweite Herausforderung, nämlich die Betriebswirtschaft selber.
Wie gehen Sie damit um? Sie kriegen ja wahrscheinlich tagtäglich Tausende von Anforderungen von Ihren Anwendungsunternehmen, was alles bitte schön umzusetzen ist. Wie schaffen Sie es, diese Anforderungen so zu spezifizieren, dass sie letztendlich auch in Software zum Nutzen Ihres Systems gegossen werden kann? Das ist wirklich eine sehr große Herausforderung, weil wir diese beiden Produktwelten miteinander vereinen. Das heißt, wir haben auf der einen Seite die SaaS-Welt.
Dort betrachten wir die Gesamtheit unserer Kunden als Community und kommunizieren mit dieser Community über unser Forum sehr aktiv. Das heißt, jedes Produktteam hat eigene Kapazitäten, eigene Mitarbeiter, die jeden Tag in diesem Forum unterwegs sind, dort auf der einen Seite Hilfestellung leisten, auf der anderen Seite eben auch Anforderungen und Ideen aus diesem Forum rausziehen, die dann wiederum in jedem Produktteam auf dem jeweiligen Backlog verwaltet werden. Das heißt, es ist dann so ein Kannbahnsystem, wo dann wiederum der Product Owner mit Feedback Kunden als auch eigener Mitarbeiter entscheidet, was ist jetzt wirklich das nächste wichtige Thema.
Und dann natürlich besteht die Aufgabe des Product Owners auch darin, der Community mitzuteilen, was denn so in der nächsten Zukunft geplant ist. Das heißt, das ist so dieser eine Teil, die Community, der andere Teil, das ist das klassische Projektgeschäft. Das ist auch eher das, was wir im großvolumigen Bereich haben, das heißt Richtung Enterprise-Produkt.
Dort geht es ganz klassisch vor, wie man das kennt. Das heißt, da gibt es Pflichtenhefte, da gibt es Workshops. Da wird mit entsprechender terminlicher Zusage klassisches Projektmanagement betrieben, was dann zwar im Detail dann wieder agil entwickelt wird, aber mit einem klaren Zeitbereich, wann bestimmte Ergebnisse fertig sein müssen.
Und diese beiden Welten, die vereinigen wir. Das heißt, die Produktentwicklung, das ist Community getrieben und die Projektentwicklung, das ist dann das ganz konkrete Kundenprojekt. Und das wird dann eben, weil es leider der Markt so fordert, der Markt fordert halt kein Agile Contracting, der Markt fordert, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen vorher definierten Betrag ein fertiges Ergebnis da zu sein hat.
Und dann muss man sich eben an der Stelle auch dem Markt ein Stück weit beugen. Das haben wir jedenfalls für uns so entschieden. Ja, das ist eine große Herausforderung, sicherlich da tagtäglich zu entscheiden, was ist individuelles nice to have und was muss man doch in der standardisierten Variante in die Funktionalitätspalette des Systems einfließen lassen.
Absolut, ja. Es gibt noch einen dritten Bereich. Also wir haben die Technik, wir haben die betriebswirtschaftlichen Anforderungen unserer Kunden und dann haben wir so komische Dinge.
Ich nenne mal ein Stichwort EU-Mehrwertsteuer-Chaos oder ein anderes Stichwort EU-Datenschutz-Grundverordnung, Kassenverordnungen, Prüfregularien etc. Also viele Dinge, die uns weder von den Kunden noch aus der Technik übergestülpt werden, sondern die von außen an die ERP-Branche herangeführt wird. Wie gehen Sie mit solchen Themen um? Wir haben vor einiger Zeit, beziehungsweise auch so im Bereich, ich glaube es war 2016 entschieden, wir möchten jetzt eine Omnichannel-Lösung sein und möchten jetzt auch eine Kassenlösung anbieten.
Hätten wir mal vorher gewusst, welche Verordnungen da mit der Zeit auf uns einprasseln, hätten wir uns das vielleicht nochmal überlegt. Das ist schon ein Wahnsinn, wie viel Zeit doch tatsächlich investiert werden muss, das eigene Produkt rechtskonform zu erhalten und entsprechend immer wieder anzupassen, jetzt auch zum Jahreswechsel, Stichwort TSE. Da gab es schon wieder eine Neuerung.
Jetzt spätestens ab dem nächsten Jahr hat man das Thema Reverse Charge und Umsatzsteuer als ganz großes Thema, was jeden Händler betreffen wird, der über die deutschen Grenzen hinaus versenden wird. Und dann haben wir, glaube ich, in drei oder vier Jahren nochmal eine Änderung, wo bis dahin auch jede einzelne Versendung zentral an der zentralen Datenbank nochmal weggeschrieben werden muss, um dann auch europaweit den kompletten Wartenstrom nachvollziehen zu können. Das ist schon ein großes Rad, was man da hier und da drehen muss, für das dann erst mal auch niemand etwas zahlt.
Das gehört halt einfach dazu, dass man diese Rechtskonformität einzuhalten hat. Und ja, dem muss man sich leider unterwerfen. Leider in Anführungsstrichen, das ist halt so.
Das ist schön, dass Sie das auch nochmal betonen. Ich glaube, aus Kundensicht ist eine Maske preis mal Menge relativ schnell programmiert. Und die kann doch gar kein Geld kosten.
Absolut, genau. Wenn man sich die vielen Anforderungen im Hintergrund anschaut und die integrativen Verknüpfungen und die vielen Partner, die zu pflegen sind und die Weiterentwicklung des Systems und die Updates und so weiter und so fort. Ich glaube, dann wird auch klarer, warum auch Software viel Geld letztendlich kostet, auch in der Entwicklung.
Das muss man ganz klar sehen. Und das sehen die Unternehmen, die eine gewisse Größe haben und diese Erfahrung haben, die vielleicht auch schon mal eigene Projekte entwickelt haben, die sehen das. Die Mittleren und Kleinen, die können es halt nicht wissen, die sehen das dann auch leider nicht.
Und die fragen sich dann teilweise, warum Software dann überhaupt Geld kostet. Also wir haben da diesen großen Spagat. Da kann man jetzt aber auch keinem einen Vorwurf draus machen, weil diese kleineren Unternehmen einfach diesen Erfahrungsschatz, den wir selbst haben, den andere Unternehmen sich über Jahre aufgebaut haben, einfach nicht haben können.
Vielleicht können Sie selber abschließend nochmal so einschätzen, wie viel Mannjahre Entwicklungsarbeit in so ein System wie Ihres bislang, das ist ja lange noch nicht beendet, reingeflossen sind. Also ich bin immer basser erstaunt, aber es schließt sich mir sofort, wenn jemand sagt, locker dreistelliger Mannjahresbeitrag, der an Programmierleistung letztendlich in so ein System reingeflossen ist. Das ist eine wahnsinnig schwierige Frage, weil wir auch über die letzten drei Jahre unsere Entwicklungskapazitäten massiv ausgebaut haben.
Wir sind jetzt ja von der Gesamtunternehmensgröße haben wir die 200er Marke vor einigen Monaten geknackt, das heißt mehr als 200 Mitarbeitern. Der größte Anteil daran sind tatsächlich die Produktentwicklerteams und ja, wenn man das jetzt wieder hochrechnet, sind wir ja dick im dreistelligen Jahresbereich, weil wir das Produkt jetzt ja auch schon mehrere Jahre entwickeln. Also da steckt wirklich sehr viel drin.
Man muss natürlich auch fairerweise dazu sagen, wir arbeiten natürlich nicht immer seit Beginn an gerade aus, sondern es gab auch ganz bewusst immer wieder Architekturveränderungen, wodurch dann ja auch Dinge entfallen, weil sie schlichtweg neu gemacht werden, die man in der Vergangenheit mal entwickelt hat. Das heißt, es ist auch immer mal wieder ein, zwei Schritte zurück, ein Modul wird ersetzt und dann wieder drei, vier, fünf nach vorne und wenn man das alles aufaddiert, dann sind wir auf jeden Fall gut dreistellig. Das darf man sich nicht ausrechnen.
Das ist schon wirklich sehr, sehr viel. Das ist dramatisch. Wahrscheinlich sind Sie jährlich mittlerweile schon dreistellig, oder? Absolut, ganz klar, weil wir ja wie gesagt, die Mehrheit der Mitarbeiter im Bereich der Produkt- und Softwareentwicklung tätig haben und wenn wir da dreistellig sind und die arbeiten das ganze Jahr, dann sind wir automatisch jedes Jahr dreistellig.
Dann sind wir bald vierstellig. Wahnsinn. Vielen herzlichen Dank, Herr Griesel.
Bevor wir unser Gespräch beenden, würde ich natürlich gerne wieder in unsere Blitzlichtrunde gehen und die Aufmerksamkeit nochmal auf meinen Interviewpartner lenken. Warum sind Sie beruflich das geworden, was Sie heute eigentlich sind? Oh, diese Frage habe ich mir auch schon häufiger gestellt, aber nie eine perfekte Antwort gefunden. Allerdings das, was mich absolut gereizt hat, ist, dass wir hier tatsächlich einen sehr kreativen Prozess haben.
Das heißt, wir schaffen ein Produkt oder die Informatik als solches ermöglicht es eben, ein Produkt zu schaffen. Das ist für mich persönlich ein sehr kreativer Akt und man hat dann am Ende, obwohl es nur virtuell ist, für mich selbst etwas absolut Greifbares und es ist einfach wunderbar zu sehen, wie andere Menschen, andere Unternehmen das eigene Produkt als Werkzeug betrachten und es zum Einsatz bringen. Das ist am Ende des Tages wirklich etwas sehr befriedigendes.
Für mich jedenfalls. Wenn Sie das anschauen, gibt es da etwas, wo Sie sagen, wow, für diesen Moment, für diesen Erfolg, habe ich es eigentlich gemacht? Da gibt es mehrere Dinge, die mich dann immer wie pushen. Ein ganz großer Moment ist einmal im Jahr unser Kongress, den wir dieses Jahr leider nicht zur gewohnten Zeit im März haben konnten und verschieben mussten auf den 29.1.10. Wenn man dann dort morgens auf der Bühne steht, die Keynote halten darf und dann den ganzen Tag prasselt dann wirklich das Kundenfeedback auf einen ein, dann nimmt man so viel, nicht nur Ideen, sondern vor allen Dingen auch so viel Energie mit.
Das reicht dann schon für viele Wochen oder einige Monate und dann natürlich, wenn Produkte auf die Straße gehen bei Kunden, das heißt wenn größere Projekte zum Abschluss kommen und man dann am Ende dann nochmal vor Ort ist und man in strahlende Gesichter blicken kann, dann ist das auch sehr positiv. Also das pusht einen dann schon sehr. Und wer sie näher kennenlernen möchte, ich weiß zwar, dass ihr Händlerkongress, ihr Online-Händlerkongress leider verlegt werden musste, aber sie haben trotzdem die Keynote gesprochen und sie ist in dem Blog von Plenty Markets online zu finden.
Wir werden sie auch direkt verlinken, hier bei uns in den Shownotes, so dass Sie, liebe Zuhörer, auch nicht nur Zuhörer, sondern auch Zuseher sein können und etwas über Herrn Grissel auch persönlich erfahren. Gibt es besondere Eigenschaften, die Sie in Ihrem Beruf besonders gut gebrauchen können? Als Informatiker ist man ja landläufig dann eher etwas introvertiert und in sich gekehrt. Das wäre auf dieser Position absolut fatal.
Das heißt, man muss dann doch sehr gut mit Menschen, man muss sehr gut Visionen verteidigen und installieren können, um es mal ganz technisch auszudrücken. Man muss Menschen einfach begeistern können. Das muss man, glaube ich, auf dieser Position grundsätzlich und gerade wenn es um virtuelle Produkte geht, vielleicht noch ein bisschen mehr.
Und diese Eigenschaft, die sollte man mitbringen. Ja, ich glaube, das ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die man, egal in welchem Beruf man ist, als Chef tatsächlich immer dabei haben muss. Glaube ich auch, ja.
Jetzt ist Lernen und Erfahren ja nicht nur einmaliges Lernen und Erfahren, sondern lebenslanges Lernen sozusagen. Gibt es bestimmte Bücher? Gibt es ein bestimmtes Buch, was Sie persönlich weitergebracht hat und was Sie beruflich oder privat unseren Zuhörern empfehlen können? Das ist schon eher eine Vielzahl, aber das, wo ich persönlich noch Schwächen sehe, aber das ist auch, glaube ich, dieses typisch Deutsche, das ist halt groß zu denken und von daher Think Big vielleicht mal ganz interessant, das mitzunehmen, um diesen typisch amerikanischen Denkansatz zu verinnerlichen und sich mal zu spiegeln, was davon man für sich selbst übernehmen kann, weil ich glaube, wir selbst sind hier einfach in unserem kleinen Viereck, in unserer kleineren Welt dann doch eher schwieriger in der Lage, Produkte, Visionen, Ideen wirklich groß zu skalieren und das geht uns noch so ein bisschen ab. Ich glaube, da müssen wir alle so ein bisschen besser werden drin.
Wir verlinken es wieder in unseren Show Notes. Kommen wir nochmal abschließend zurück auf Ihre Berufswelt. Sie haben jetzt Richtung 20 Jahre an Erfahrung in diesem Umfeld gesammelt.
Da hat sich viel verändert. Wir haben schon darüber gesprochen. Cloud war vor wenigen Jahren noch etwas, was sehr skeptisch beäugt wurde, mittlerweile ganz selbstverständlich.
Aus Ihrer Einschätzung, wie wird sich die Berufswelt in Ihrem Umfeld in den nächsten 10 Jahren verändern? 10 Jahre, das ist nun wirklich ein unfassbar großer zeitlicher Radius, wenn man sich schon die Entwicklungsgeschwindigkeit der letzten 5 oder 10 Jahre anschaut, ist es ganz schwer. Total spannend, das ist ja für uns alle spannend, ist sicherlich, ob wir tatsächlich von KI in den nächsten 5 Jahren schon einen noch tieferen Nutzen finden werden. Aktuell befinden wir uns da ja immer noch in den Kinderschuhen.
Wir haben alle Pläne und Ideen in der Schublade, aber es ist zum Teil noch einfach teuer und kompliziert und da bin ich sehr darauf gespannt, wie sich dort die Zukunft, auch die Systemlandschaft und eben auch der Einsatz dieser Technologie entwickeln wird und bezogen auf unser Setup hier vor Ort, glaube ich, dass es einfach noch wesentlich heterogener wird, was die Technologien und Services, die wir nutzen, im Cloud-Umfeld befassen wird. Das heißt, da wird man einfach immer mehr in Richtung des maximalen Nutzens gehen und sich deswegen auch stetig weiterentwickeln müssen, weil die Technologien eben vielfältiger werden und das sehen wir auch jetzt schon auch am Markt bei unseren Mitbewerbern. Das ist auch im Bereich der Entwicklung immer stärker Richtung, wir nennen das Fullstack, geht.
Das heißt, dass man doch in sehr vielen Technologien, also Frontend, Backend, mittlerweile auch noch Cloud, also DevOps, dass man dort halt wesentlich breiter aufgestellt sein wird, als man das vielleicht vor 10 Jahren oder 5 Jahren noch sein konnte. Da konnte man halt ein Backend- oder Datenbankentwickler sein und das hat gereicht. Der Trend geht einfach stärker in Fullstack-DevOps.
Ist das diese Heterogenität vielleicht auch die ganz große Herausforderung, die Unternehmenssoftware, also insbesondere ERP, zukünftig ganz besonders haben wird? Es gehört sicherlich mit zu den sehr großen Herausforderungen, weil es natürlich auch die Bereitschaft der eigenen Mannschaft mit sich bringen muss, diesen Weg halt mitzugehen und nicht irgendwo stehen zu bleiben und sich selbst zu sagen, so jetzt habe ich einen tollen Stand erreicht, hier bleibe ich jetzt. Das funktioniert leider nicht. Also dieses stetige Lernen, stetige Verändern, das muss man wollen und da muss man Freude dran haben, dann wird es funktionieren.
Herr Grissel, ich danke ganz ganz herzlich für diese spannende, für das wir miteinander führen durften. Wer mag, liebe Hörer, kann das System natürlich auch mal testen über ihre Webseite, die wir in den Show Notes auch verlinkt haben, gibt es die Möglichkeit, ein gratis Login zu bekommen, das ist das Schöne natürlich auch an Cloud-Systemen. Ich bin an der Stelle raus, die letzten Worte wie immer gehören meinem Studiogast.
Ich danke Ihnen, Herr Grissel, ganz ganz herzlich für die Zeit, die Sie sich genommen haben. Herzlichen Dank und die letzten Worte sind Ihre. Ja, Winkelmann, auch von meiner Seite herzlichen Dank, es hat sehr viel Freude gemacht, doch mal einmal quer durchs Gemüsebeet mit Ihnen rennen zu dürfen, einmal auch gedanklich noch mal durch viele Entwicklungen gehen zu können.
Das war toll, habe ich nicht jeden Tag. Danke dafür. Ihnen hat der ERP-Podcast gefallen und Sie konnten wertvolle Erkenntnisse gewinnen? Dann würde ich mich über eine Bewertung auf iTunes freuen, damit auch andere von diesem Podcast erfahren können.
Eine Anleitung für die Bewertung finden Sie auf www.erp-podcast.de. Dort finden Sie auch weitere Hinweise, Links und Aktualisierungen zu dieser Folge. Das war der ERP-Podcast für alle, die sich aktiv mit dem Einsatz und der Gestaltung von Unternehmenssoftware und den daraus entstehenden Veränderungen und Potenzialen in Unternehmen losgelöst von Fachzeitschriften, Büchern und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, zum Beispiel beim Spazierengehen oder Autofahren auseinandersetzen wollen. Mein Name ist Axel Winkelmann, ich bin Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg.