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#70a - Digitale Entwicklungsprozesse mit CAD und PLM – ein Interview mit Dr. Ralf Seidler, Geschäftsführender Gesellschafter der SCHWINDT CAD/CAM-Technologie GmbH
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Digitaler Zwilling und moderne Entwicklungsprozesse sind für Sie eine besondere Herausforderung? In der heutigen Folge kläre ich mit Dr. Seidler, was sich hinter den Begriffen CAD und PLM verbirgt und wie man digitale Entwicklungsprozesse im Unternehmen aufsetzt.

Viel Vergnügen!

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Wenn Ihnen unsere Folgen gefallen, dann freuen wir uns über eine 5-Sterne-Bewertung auf Ihrer Wunschplattform, damit auch andere auf diesen Podcast aufmerksam werden und wir das Angebot weiter verbessern können. Zeitaufwand: 1-2 Minuten.

In diesem Sinne: keep connected.

Herzlichst
Ihr
Axel Winkelmann

Transcript:

ERP-Podcast. Digitale Entwicklungsprozesse mit CAD und PLM. Ein Interview mit Dr. Ralf Seidler, geschäftsführender Gesellschafter der Schwind-CAD-CAM-Technologie GmbH.

Digitaler Zwilling und moderne Entwicklungsprozesse sind für Sie eine besondere Herausforderung? In der heutigen Folge kläre ich mit Dr. Seidler, was sich hinter den Begriffen CAD und PLM verbirgt und wie man digitale Entwicklungsprozesse im Unternehmen aufsetzt. Viel Vergnügen! Herzlich willkommen zum ERP-Podcast. Dem Podcast für alle, die sich aktiv mit dem Einsatz und der Gestaltung von Unternehmenssoftware und den daraus entstehenden Veränderungen und Potenzialen in Unternehmen auseinandersetzen wollen.

Mit diesem Podcast möchte ich Sie mit eigenen Gedanken und Interviews bei der Gestaltung moderner IT-Konzepte nebenbei, also zum Beispiel beim Spazierengehen oder Autofahren, begleiten. Damit möchte ich Ihnen in dieser von technologischen Veränderungen geprägten Zeit Informationen anbieten, die sich in Zeitschriften, Fachbüchern und wissenschaftlichen Artikeln in dieser Form nicht darlegen lassen und für die sich im hektischen Alltag ohnehin nicht die Zeit findet. Mein Name ist Axel Winkelmann.

Ich bin Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg. Ja, liebe Zuhörer, herzlich willkommen zurück zum ERP-Podcast. Ich möchte mit Ihnen wieder durch die Welt der Unternehmenssoftware, des Unternehmensdatenfundaments reisen und ich möchte mich heute mal in einem Teilbereich aufhalten, der auch sehr viel Funktionalität bietet, der sich in den letzten Jahren sehr verändert hat, nämlich die Art, wie wir heute entwickeln in Unternehmen.

Digitale Entwicklungsprozesse, CAD, PLM sind große Stichworte, die heute fallen werden und ich freue mich, dass wir einen wirklichen Experten gefunden haben, Herrn Dr. Seidler. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der SchwindKatKam Technologie GmbH. Ja, und ich freue mich, dass er heute da ist und mit uns über diese Themen digitaler Entwicklungsprozesse reden wird.

Herzlich willkommen bei uns, Herr Dr. Seidler. Ja, schönen guten Tag, Herr Winkelmann. Ich freue mich, dass ich bei Ihnen sein darf.

Ja, wunderbar. Vielleicht mögen Sie sich zunächst mal kurz selber vorstellen. Wer ist der Mensch? Ralf Seidler.

Ja, mein Name ist Ralf Seidler. Ich bin jetzt seit 28 Jahren in dem CAD- und PLM-Geschäft. Ich hatte die Gelegenheit, 14 Jahre bei einem Automobilzulieferer zu arbeiten und hatte dort die weltweite Verantwortung für alles das, was mit CAD, PLM, teilweise Qualitätsprozessen und Projektmanagement zu tun hat.

Und nach diesen 14 sehr spannenden Jahren habe ich mich entschieden, mich selbstständig zu machen und hatte dann die Gelegenheit, die Firma Schwindt KatKam Technologie GmbH 2004 vom damaligen Inhaber Peter Schwindt zu übernehmen. Und mittlerweile sind das auch schon wieder 14 Jahre im CAD- und PLM-Umfeld und ich denke, wir werden noch intensiver über diese Zeit reden. Vielleicht können Sie die Firma einmal kurz vorstellen.

Es ist ja eine Firma, die jetzt aus IT-Sicht durchaus schon sehr viele Erfahrungen gesammelt hat. 25 Jahre, ein Vierteljahrhundert, Schwindt. Wer ist die Firma? Wie groß ist die Firma? Was macht die Firma? Ja, Herr Peter Schwindt hat vor genau 25 Jahren, wir feiern dieses Jahr unser 25-jähriges Jubiläum, diese Firma als IBM-Partner gegründet in dem Bereich CATIA.

Das heißt, IBM hatte damals die exklusiven Vertriebsrechte für das CAD-Programm CATIA. Und Herr Peter Schwindt hat in diesem Umfeld sozusagen eine Vertriebsagentur mit zusätzlichen Mehrwerten im Bereich Hardwareverkauf, Schulungen, Implementierungen gegründet. Über viele Jahre war CATIA das Hauptgeschäftsfeld dieser Firma, aber es kamen dann im Markt immer mehr Wünsche auch nach Datenbank-gestützten Prozessen.

Das heißt also, dass diese CAD-Daten, die in den Unternehmen erzeugt wurden, nicht nur im Filesystem abgelegt werden und jeder unkontrollierten Zugriff darauf hat, sondern dass diese Daten eben entsprechend im Datenbanksystem auch gemanagt werden mit den entsprechenden Prozessen. Wir haben dann die Produkte Smart Team am Markt vertrieben und implementiert und seit einigen Jahren ist unser Zielprodukt das Thema 3DEXPERIENCE. 3DEXPERIENCE ist die digitale Plattform für digitale Entwicklungsprozesse und unterstützt alle Prozesse, die im Entwicklungsbereich von Produkten eben gebraucht werden.

Da setze ich jetzt mal genau an. Die Hörerschaft, die wir hier im ERP-Podcast haben, die ist sehr heterogen von Leuten, die eigentlich davorstehen, sich über das Unternehmensdatenfundament Gedanken zu machen bis hin zu Beratern aus dem ERP- oder aus dem Softwareumfeld. Ich würde jetzt gerne mal bei diesen Entwicklungsprozessen ansetzen.

Also wenn ich aus der Steinzeit sozusagen komme, analoge Entwicklungsprozesse, wie sieht das aus? Warum mache ich das heute digital? Ja, viele Jahre wurden Flugzeuge und Fahrzeuge am Zeichenbrett konstruiert und das eine Thema ist natürlich, dass Änderungen am Zeichenbrett entsprechend aufwendig waren und auf der anderen Seite viele Firmen zugearbeitet haben, bis ein fertiges Produkt, ein fertiges Flugzeug oder ein fertiges Fahrzeug entstanden sind. Das heißt also ähnlich, wie wir es heute nicht mehr an der Schreibmaschine schreiben, sondern die Dokumente in einem Wirt bearbeiten, gab es auch dieselben Prozesse im Entwicklungsbereich. Das heißt, Zeichenbrette, Papierzeichner waren sehr, sehr schnell obsolet und man fing an, Produkte elektronisch zu entwickeln, am Computer zu entwickeln.

CATIA setzte sehr früh auf oder von Anfang an auf die dreidimensionale Entwicklung und WordArt eigentlich der erste auch, der konsequent dreidimensional entwickelt hat. Am Anfang mit Drahtmodellen und später mit Flächenmodellen, um entsprechende Produkte übergreifend und auch komplexe Produkte zu entwickeln. Wir werden das sicherlich auch in den Shownotes verlinken, aber vielleicht können wir kurz darüber reden, was das jetzt überhaupt bedeutet, diese digitale Produktentwicklung.

Das heißt, innerhalb eines Softwaresystems eigentlich erstmal entwickeln. Ja, wir unterscheiden heute über verschiedenste Entwicklungsprozesse. Das bekannteste am Markt ist das CAD, ist der CAD-Prozess, das heißt die Modellierung, die eigentliche Modellierung.

In den Anfängen wurde am Markt sehr, sehr stark 2D modelliert. Wichtiger Vertreter in dem Umfeld war zum Beispiel AutoCAD. Wie gesagt, CATIA steht für Computer Aided Three-Dimensional Interactive Application und das zeigt uns, dass von Anfang an auf Dreidimensionalität geachtet wurde.

3D-Modelle sind die Basis für alle weiteren Entwicklungsaufgaben. Ob wir heute über 3D-Druck reden oder über Computer Aided Manufacturing, also NC-Bearbeitung, Basis immer das 3D-Modell. Und damit hat sich im Markt dieses 3D-Modell auch sehr, sehr schnell durchgesetzt, die Arbeit mit den 3D-Modellierungen.

Das ist ja etwas, was jetzt gar nicht so neu ist. Das kennen wir ja schon aus den 80er, 90er Jahren, dass man angefangen hat sich zu überlegen, wie kann ich mit dem Computer vielleicht effizienter, schneller, in direkter Kombination mit Maschinen vorplanen sozusagen, um dann in der Realwelt auszuführen. Das war der erste Schritt.

Der zweite Schritt geht um Durchgängigkeiten. Das heißt, vom Design über die mechanische Entwicklung bis hin zum Systems Engineering soll mit einem CAD-Modell oder mit einer CAD-Datenbank gearbeitet werden. Das heißt, wir haben heute im CAD-Bereich sehr, sehr viele Schnittstellen oder separate oder spezialisierte Systeme.

Das heißt zum Beispiel im Design-Bereich, wie wird eine Außenhaut eines Fahrzeuges oder die Tragflächen eines Flugzeuges entsprechend designt. Das wird normalerweise mit Design-Tools gemacht und diese CAD-Daten, die dort entstehen, werden dann aufwendig konvertiert, um sie zum Beispiel im mechanischen Bereich weiterzumachen. Führende CAD-Systeme heute bringen die komplette Durchgängigkeit mit.

Vom Design über die mechanische Entwicklung bis hin in die Fertigung, zusammengekoppelt mit der Simulation und auch gekoppelt mit den Systems Engineering Aufgaben. Was ist Systems Engineering an der Stelle? Das heißt, dass man sich im Vorfeld der mechanischen Konstruktion Gedanken macht, welche Anforderungen werden an ein Produkt gestellt und wie können diese Anforderungen entsprechend während der Produktentwicklungsphase umgesetzt werden. Um sicherzustellen, dass es für jede Anforderung auch eine entsprechende Test- und eine entsprechende Realisierung gibt.

Man möchte Over-Engineering vermeiden. Das heißt, zu viele Lösungen für Anforderungen, also wenn ich jetzt mehrere Lösungen für eine Anforderung habe, dann habe ich over-engineert. Auf der anderen Seite muss ich vermeiden, dass Anforderungen im Entwicklungsprozess überhaupt nicht berücksichtigt werden.

Wir reden heute vom sogenannten digitalen Zwilling. Das heißt, das Ziel der Produktentwicklung ist es, im Vorfeld der mechanischen oder elektrischen Konstruktion ein digitales Abbild seines Produktes am Computer zu haben. Ich bleibe nochmal in dieser Welt, die wir schon etwas länger kennen.

Das ist tatsächlich sogar schon in den 70er Jahren als CIM, als Computer Integrated Manufacturing bekannt geworden. Joseph Harrington hat das Konzept, glaube ich, damals eingeführt. Es gibt in diesem Feld der Entwicklungsprozesse der Produktionsplanung, später dann der digitalen Produktionsplanung, eine Reihe von Abkürzungen, die wahrscheinlich den einen oder anderen, der aus dem Bereich gar nicht so sehr kommt, immer etwas verwirren.

Das Einfachste ist PPS, die Produktionsplanung und Steuerung. Dann geht es aber relativ schnell los mit CRX, Computer Edited irgendetwas. Vielleicht können Sie uns als Experte ein bisschen sagen, was diese CRX sind.

Ich fange mal an, also Computer Integrated Manufacturing. CIM ist sicherlich der Oberbegriff für die verschiedenen Tätigkeiten in der Produktion, die durch den Computer unterstützt werden können. CAD haben wir eben darüber gesprochen.

CAP, was bedeutet das? CIM und CAP sind aus unserer Sicht heute keine geläufigen Themen mehr. Diese Themen sind mittlerweile abgelöst worden durch diese Schlagworte Industrie 4.0 und Internet of Things. Das heißt, die eigentliche Idee, die die Industrie damals hatte, war, alle die Maschinen zu verbinden mit den CAD-Modellen, die Daten auf die Maschinen zu bringen und auf den Maschinen laufen zu lassen und das Ganze robotergesteuert und bedienerlos.

Wir sind dem heute, nachdem man viele Jahre nicht mehr über diese Themen gesprochen hat, einen deutlichen Schritt näher. Wir haben heute diese Technologien, die entsprechend aus diesem CAD-Modell heraus, aus dem Produktmodell heraus die Roboter steuern können, die Maschinenstraßen takten können, die Ergonomieuntersuchungen machen können und auch die NC-Daten auf die Maschinen bringen. Es ist heute Realität, dass aus diesem CAD-Datensatz heraus verschiedenste Prozesse gesteuert werden.

Die Schlagworte heute sind allerdings Industrie 4.0 oder Internet of Things. Also die sozusagen alte Welt, August Willem Scheer hat damals Referenzansätze mit dem YZim-Modell beispielsweise vorgestellt, die ist abgelöst mehr und mehr durch eine integrative Verknüpfung von Software und Maschinen auf der anderen Seite, ja? Ja. Jetzt gibt es einen Begriff, den würde ich aber doch gerne nochmal herausgreifen, das ist nämlich das Thema PLM.

Was bedeutet das? Ja, auch PLM hat einen gewissen Entwicklungsweg hinter sich. Wir redeten am Anfang von sogenannten Team-Data-Management, später von Produkt-Daten-Management und heute reden wir vom Produkt-Lifecycle-Management. Die Daten zeigen oder die Namen sagen einigermaßen, worauf es uns ankam.

Also früher, ich hatte es vorhin schon gesagt, ging es darum CAD-Daten zu managen. CAD-Daten wurden wie andere Daten auch in File-Systemen gehalten, nur dass es dabei nicht um ein File ging, sondern um teilweise hunderte Files, die einen entsprechenden Datensatz beschrieben haben und die Bearbeitung im File-System war dann entsprechend schwierig. Mit dem Thema Team-Data-Management wollte man die CAD-Daten von einem Team oder einer Arbeitsgruppe entsprechend so managen, dass diese Arbeitsgruppe sicher auf diese Daten zugreifen kann.

Was bedeutet sicher? Dass man immer den aktuellsten Stand hat, den richtigen Datensatz haben. Wir reden im Produktentwicklungsprozess sehr stark von Änderungsschleifen, sehr stark änderungsorientierte Entwicklung und man möchte natürlich immer den richtigen Stand an der richtigen Stelle auch haben. Das Thema Team-Data-Management wurde abgelöst, die Teams wurden größer.

Man redete dann später über das Thema Produktdaten-Management. Von der Idee her war es dasselbe. Man wollte die Produktdaten, also nicht nur die CAD-Daten verwalten, sondern auch die Produktbeschreibenden Daten.

Und hier kommen solche Daten dazu wie Messdaten, Qualitätsdaten, Fertigungssteuerungsdaten. Also alle die Daten, die ein Produkt beschreiben, sollten auch mit diesem Produkt an der richtigen Stelle gekoppelt sein. Diese Idee ging weiter zur sogenannten Idee von Single Source of Truth.

Das heißt, alle Daten, die ein komplettes System beschreiben, sollen im System nur noch einmalig vorhanden sein und immer an der richtigen Stelle und für die richtigen Personen im Zugriff. Und nicht nur für einen bestimmten Produktstand, sondern für einen kompletten Produktlebenslauf. Und damit war das Thema Produkt Lifecycle Management geboren.

Produkt Lifecycle Management, PLM, aufbauend auf Produktdatenmanagement, PDM, richtig? Richtig. So, jetzt haben wir diesen digitalen Entwicklungsprozess. Wir sind ja hier im ERP-Podcast.

Wie ist jetzt die Verknüpfung zwischen der betriebswirtschaftlichen Welt und dieser Welt der Ingenieure, derjenigen, die letztendlich die Produkte am Computer entwickeln? Diese Verknüpfung ist ganz wichtig. Im ERP-System werden alle Materialien, Produkte entsprechend dahingehend gemanagt, dass sie lieferbar sind, dass sie von der Logistik zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle sind, dass der Maschinenpark mit den richtigen Produkten zum richtigen Zeitpunkt beliefert wird. Aber das sind Themen, die kennen Sie besser als ich.

Was wir an der Stelle, wofür wir an der Stelle sorgen, ist, dass im Produktentwicklungsprozess die Vorgaben aus dem ERP-System eingehalten werden. Also zum Beispiel rechtzeitig die Materialnummern synchronisiert werden, rechtzeitig die Stücklisten synchronisiert werden, die im Produktentwicklungsprozess entstehen. Im Unterschied zum ERP hatte ich eben schon gesagt, haben wir eine extrem hohe Änderungsrate.

Das heißt, Entwicklung heißt Änderung. Im ERP-System versucht man ja eher statisch zu sein, Änderungen zu vermeiden. Änderungen sind extrem aufwendig und dokumentationspflichtig.

Im Produktentwicklungsbereich versuchen wir sehr, sehr stark zu ändern, sehr, sehr früh zu ändern, um schnell zum optimalen Produkt zu kommen. Wichtig ist, dass die richtigen Datenstände mit dem ERP-System synchronisiert werden und diese Synchronisationen müssen sichergestellt werden. Das heißt, wenn ich mich dafür entscheide, so eine Technologie bei mir einzusetzen, entsprechende Software-Systeme einzuführen, dann ist das nicht ein rein technisches Projekt wie die Installation von Word, sondern ähnlich wie eine ERP-Einführung, tatsächlich ein soziotechnisches Projekt mit sehr vielen Überlegungen, wie ich das organisatorisch, aber auch im Zusammenspiel mit den anderen technischen, mit den anderen soziotechnischen Systemen realisiere, richtig? Im klassischen Sinn gibt es eigentlich keinen Unterschied zwischen einer ERP-Einführung und einer PLM-Einführung.

Klassischerweise geht man hin und analysiert die Ist-Prozesse im Unternehmen, die momentan in der Entwicklung vorhanden sind, dokumentiert diese Prozesse und versucht, diese Prozesse in Software zu bringen. Das ist, ich sage es mal, die technische und organisatorische Seite. Aber die Mitarbeiter im Produktentwicklungsprozess haben nun komplett neue Möglichkeiten und teilweise am Anfang auch deutlich mehr Aufwand, was das Thema Datenpflege angeht.

Die eigentlichen Effekte liegen nicht am einzelnen Arbeitsplatz, sondern im Unternehmen. Und von daher ist auch eine soziale Neuorientierung, ein soziales Change-Management erforderlich in klassischen Projekten. Jetzt haben Sie gesagt, es gibt einen Nachteil, es gibt mehr Aufwände, die man sicherlich gerade am Anfang hat, wenn man von der analogen in diese digitale Entwicklungsprozesswelt einsteigt.

Was sind denn die wesentlichen Vorteile, die ich mir damit im Unternehmen erarbeiten kann? Die wesentlichen Vorteile sind, dass auf die einzelnen Daten sicher zugegriffen werden kann von allen Beteiligten und dass alle Beteiligten den selben Datensatz im Zugriff haben. Im Filesystem ist es in der Regel so, dass Datensätze vielfach vorkommen, dass man nicht sicherstellen kann, welcher Datensatz ist der aktuelle Datensatz und wer hat diesen gerade im Zugriff. Im Produkt Lifecycle Management System muss sichergestellt werden, dass genau ein Datensatz ein Objekt beschreibt und dieser eine Datensatz für alle Beteiligten im Zugriff ist.

Damit ist man natürlich schneller an diesem Datensatz und man kann sich sicher sein, dass die Aktion, die man mit diesem Datensatz auslöst, also zum Beispiel eine Materialbestellung, auch wirklich die richtige ist und auf das richtige Material sich bezieht. Ich habe einen Artikel von Ihnen gelesen, in dem Sie PLM nach verschiedenen Versionsnummern unterscheiden. Also PLM 1.0, PLM 2.0. Was meinen Sie damit und was bedeutet das für die Unternehmen? Wenn wir uns heute den PLM-Markt anschauen, dann ist die klassische PLM-Einführung verbreitet.

Ich bezeichne das als PLM 1. Eine klassische PLM-Einführung zeichnet sich dadurch aus, dass im Unternehmen eine Ist- oder eine Bestandsaufnahme gemacht wird, dass eine Prozessdefinition gemacht wird, dass das Unternehmen hingeht und einen Anforderungskatalog stellt, was sie alles verändern möchten in einem entsprechenden Zeitraum, dass Prozesse definiert werden, wie sie zukünftig laufen sollen und dann klassischerweise ein PLM-Projekt startet, was aber in der Regel dann auch über einen sehr, sehr langen Zeitraum läuft und leider auch mit einem hohen Wahrscheinlichkeitssatz scheitert. Woran scheitern diese Projekte meistens? Diese Projekte scheitern meistens daran, dass Wunschvorstellungen, die in Anforderungskatalogen definiert wurden von Softwareherstellern, im Endeffekt nicht realisiert werden können oder nicht kostengünstig realisiert werden können. Das heißt, die Projekte laufen extrem lange, laufen klassischerweise aus dem Budget heraus und erfüllen dann nicht mehr die Anforderungen derjenigen, die am Anfang Anforderungen definiert haben.

Vielleicht können wir mal ein Beispiel bauen, damit den Leuten auch realistisch klar wird, was kann PLM tatsächlich und wo ist es vielleicht Wunschdenken? Also ich kenne das aus der ERP-Welt. Natürlich kann ich alles automatisieren, aber das wird nicht der erste Schritt sein, den ich mit ERP erreiche, sondern das ist irgendwo eine organisatorische Reihe, für die ich Schritt für Schritt gehen muss, um am Ende dann in die Automatisierung zu kommen. Ist Ähnliches im PLM-Bereich zu denken? Es ist genau derselbe Ansatz, dass man Wunschvorstellungen hat, die häufig nicht realisierbar sind.

Viele Anbieter versprechen viel zu viel in der Vorphase, in der Auswahlphase. Das bedeutet, dass die Anwender extrem hohe Wunschvorstellungen haben. Und auf der anderen Seite im ERP, die ERP-Projekte haben häufig Geschäftsführung, Unterstützung, was im PLM-Bereich häufig nicht so ist, weil die Geschäftsführung von den Daten, vom Controlling, von den ERP-Prozessen häufig direkt betroffen sind im PLM-Bereich.

Das ist doch nur ein Spielzeug der Entwicklungsabteilung. Jetzt haben wir dieses PLM-I und Sie sagen jetzt, okay, das ist an manchen Stellen auf dem Weg zur digitalen Fabrik sicherlich problematisch. Es gibt überzogene Erwartungen, es gibt Hersteller, die vielleicht auch nicht immer ganz glücklich kommunizieren, was PLM tatsächlich leisten kann.

Es gibt organisatorische Missverständnisse. Und jetzt gehen Sie hin und sagen PLM-II. Ja, wir haben bestimmte Erkenntnisse gezogen in der Vergangenheit.

Wir haben sehr, sehr viele Projekte gemacht und die Erkenntnisse sind, jeder Kunde hat viele individuelle Prozesse und der Kunde sagt, diese individuellen Prozesse machen uns erfolgreich. Das heißt, wenn wir sagen, PLM ist doch aber eigentlich ein Standardprozess, dann sagen die Kunden, nein, es gibt keine Standardprozesse. Wir bei uns haben individuelle Prozesse.

Das Problem ist nur, dass diese Prozesse eventuell bekannt sind, dass sie eventuell strukturiert sind und eventuell dokumentiert sind. Das heißt also, in der Regel finden wir keine Dokumentation der Prozesse. Wenn wir verschiedene Entwicklungsmitarbeiter fragen, wie die Prozesse aussehen, kriegen wir definitiv mehr Möglichkeiten als Mitarbeiter.

Und Analysen sagen heute, dass im Unternehmen maximal 20% der Entwicklungsprozesse wirklich dokumentiert sind. Das nächste Thema ist, in jedem Unternehmen gibt es sogenannte Optimierungen. Das heißt, der Kunde ist regelmäßig dabei, diese Prozesse auch noch zu optimieren.

Und eigentlich ist es überhaupt nicht gewünscht, dass Prozesse, Entwicklungsprozesse festgefroren werden, eingefroren werden, dokumentiert werden, weil die Entwicklungsprozesse sind ja eigentlich die Kreativprozesse. Und es gibt noch einen Punkt, der dazukommt. Wir wissen, dass momentan Schnittstellen zwischen den Systemen Zeitfresser sind.

Genau wie man heute einen Anforderungskatalog im Word schreiben kann und die Anforderungen dann rauslesen kann und in eine Exit-Tabelle hineinschreibt, um in Excel weiterzuarbeiten, gibt es auch bei den CAD-Systemen oder bei den Entwicklungsprozessen diese Schnittstellen, die einfach nur unproduktiv und zeitfressend sind. Und wir sehen die Lösung darin, dass wir das Pferd von hinten angehen. Wir sagen, was brauchen wir? Wir brauchen sogenannte Single Source of Truths.

Das heißt also, es muss jeder Datensatz einmal Modell sein, im System sein. Von daher reden wir eigentlich heute nicht mehr über einen prozessorientierten Ansatz bei der Realisierung, sondern von einem modellorientierten Ansatz, von einem datenbasierten Ansatz. Das heißt, wir reden heute, wenn wir über digitale Prozesse reden, auch über sogenannte Plattform-Konzepte.

Das heißt, wir haben Plattformen, in diesen Plattformen liegen die Daten und Apps oder Applikationen greifen auf diese Daten zu und manipulieren diese Daten nach bestimmten Gesichtspunkten. Jetzt machen Sie mich ganz glücklich, weil Sie haben gerade über das Unternehmensdatenfundament Single Source of Truth gesprochen. Das ist ja auch immer mein Plädoyer an dieser Stelle.

Aber Sie haben natürlich irgendwo ein führendes System. Das ist vermutlich das ERP-System, die ERP-Welt, an die Sie irgendwo andocken müssen mit Ihrem sozusagen Werkzeugkoffer, oder? Das ist eine Philosophiefrage, von welcher Seite man das Unternehmen betrachtet. ERP kann führend sein in dem Moment, wo es um Stammdaten geht, wo es um Materialdaten geht, wo es um Stücklisten geht.

Aber wir versuchen uns andererseits auch in gewisser Weise von der ERP-Welt zu trennen, um die Entwicklungsprozesse abzubilden. Und die Entwicklungsprozesse als solches, ich hatte es vorhin gesagt, wir haben sehr änderungsfreudige Prozesse, die müssen während der Entwicklungsphase nicht unbedingt mit ERP gekoppelt sein. Was wir brauchen, sind bestimmte Freigegebenenstände.

Und diese Freigegebenenstände müssen im Unternehmen synchronisiert werden. Und da gehören nicht nur die ERP-Systeme dazu, da gehören auch die CRM-Systeme dazu. Und die komplette Systemlandschaft im Unternehmen muss zu bestimmten Zeitpunkten synchronisiert werden.

Das heißt, wir sprechen über ein richtig großes Projekt an der Stelle. Wir sprechen über große Projekte, ja. Wir gehen heute hin und sehen mehrere Bausteine.

Wir sehen auf der einen Seite natürlich die digitale Entwicklungswelt, die wir klassischerweise mit dem 3D-Experience-Produkt, 3D-Experience, abbilden können. Wir sehen aber auch drumherum eine gewachsene Systemlandschaft. Wir bauen nicht auf der Grünwiese.

Und auch das ist ein Grund, warum früher PLM-Projekte häufig gescheitert sind, weil man den Anspruch hatte, alle Daten im Unternehmen, die irgendwas mit dem Produkt zu tun haben, in dieses PLM-System hineinzubringen. Wir gehen heute einen anderen Ansatz. Wir gehen heute den Ansatz der kleinen Schritte und der vielen Schnittstellen.

Das heißt, wir haben in der Mitte natürlich noch das PLM-System, wo wir die Daten konzentrieren, die für den Entwicklungsprozess wesentlich sind und die den Entwicklungsprozess steuern. Im Umfeld haben wir Schnittstellen, einen sogenannten Schnittstellen-Bus, in verschiedenste andere Systeme, unter anderem verschiedene ERP-Systeme, Office-Systeme, E-Mail-Systeme, Patentsysteme und was es eben auch alles geben kann im Unternehmen. Sie sagen, Sie gehen Schritt für Schritt.

Das ist sicherlich sehr, sehr viel Aufwand. Ich schaue mal wieder auf meine digitale Uhr hier und sehe, dass wir die magische Schwelle von einer halben Stunde gerade überschreiten. Und deswegen würde ich sagen, wir nehmen diesen Aufwand.

Und wie man eigentlich in PLM-Projekten vorgeht, nehmen wir einfach mal mit in die nächste Woche. Herr Dr. Seidler, wenn es für Sie okay ist, würde ich an dieser Stelle einen Cut machen und Sie in der nächsten Woche wieder zu uns in den ERP-Podcast einladen. Ja, vielen herzlichen Dank.

Ich freue mich auf die nächste Woche. Herzlichen Dank. Ihnen hat der ERP-Podcast gefallen und Sie konnten wertvolle Erkenntnisse gewinnen? Dann würde ich mich über eine Bewertung auf iTunes freuen, damit auch andere von diesem Podcast erfahren können.

Eine Anleitung für die Bewertung finden Sie auf www.erp-podcast.de. Dort finden Sie auch weitere Hinweise, Links und Aktualisierungen zu dieser Folge. Das war der ERP-Podcast für alle, die sich aktiv mit dem Einsatz und der Gestaltung von Unternehmenssoftware und den daraus entstehenden Veränderungen und Potenzialen in Unternehmen losgelöst von Fachzeitschriften, Büchern und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, zum Beispiel beim Spazierengehen oder Autofahren, auseinandersetzen wollen. Mein Name ist Axel Winkelmann.

Ich bin Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg.