ERP Podcast Logo
ERP-Podcast
#128a - Betriebswirtschaftliche Erfordernisse an ERP-Architekturen
Loading
/

In Folge 127 habe ich über die technische Weiterentwicklung bis zur Moderne von ERP- Architekturen und Unternehmenssoftware-Architekturen gesprochen. Heute möchte ich das Ganze ergänzen, um betriebswirtschaftlichen Anforderungen, die in der Form in ERP-Systemen noch lange nicht erfüllt sind – die aber vielleicht als Denkanstoß an die Unternehmenssoftware Hersteller ein zukunftsweisender Ansatz sein könnten. In dem ersten Teil dieser Folge spreche ich über das Unternehmensdatenfundament, über die Hintergründe zum Datenaustausch und damit über die Entstehung moderner Unternehmen.

Viel Vergnügen!

————————–

Wenn Ihnen unsere Folgen gefallen, dann freuen wir uns über eine 5-Sterne-Bewertung auf Ihrer Wunschplattform, damit auch andere auf diesen Podcast aufmerksam werden und wir das Angebot weiter verbessern können. Zeitaufwand: 1-2 Minuten. 

In diesem Sinne: keep connected. 

Herzlichst
Ihr
Axel Winkelmann 

Transcript:

ERP-Podcast, Folge 128. Betriebswirtschaftliche Erfordernisse an ERP-Architektur. In Folge 127 habe ich über die technische Weiterentwicklung bis zur Moderne von ERP-Architekturen und Unternehmenssoftware-Architekturen gesprochen.

Heute möchte ich das Ganze ergänzen um betriebswirtschaftliche Anforderungen, die in der Form in ERP-Systemen noch lange nicht erfüllt sind, die aber vielleicht als Denkanstoß an die Unternehmenssoftwarehersteller ein zukunftsweisender Ansatz sein könnten. In dem ersten Teil dieser Folge spreche ich über das Unternehmensdatenfundament, über die Hintergründe zum Datenaustausch und damit über die Entstehung moderner Unternehmen. Viel Vergnügen.

Herzlich willkommen zum ERP-Podcast, dem Podcast für alle, die sich aktiv mit dem Einsatz und der Gestaltung von Unternehmenssoftware und den daraus entstehenden Veränderungen und Potenzialen in Unternehmen auseinandersetzen wollen. Mit diesem Podcast möchte ich Sie mit eigenen Gedanken und Interviews bei der Gestaltung moderner IT-Konzepte nebenbei, also zum Beispiel beim Spazierengehen oder Autofahren begleiten. Damit möchte ich Ihnen in dieser von technologischen Veränderungen geprägten Zeit Informationen anbieten, die sich in Zeitschriften, Fachbüchern und wissenschaftlichen Artikeln in dieser Form nicht darlegen lassen und für die sich im hektischen Alltag ohnehin nicht die Zeit findet.

Mein Name ist Axel Winkelmann. Ich bin Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg. Herzlich willkommen zurück zum ERP-Podcast.

Diese Woche wieder mit einer neuen Episode, die aber anschließt an das, was in der letzten Folge Thema war. Ich hatte mal für die, die jetzt gerade erst reingeschaltet sind, gesprochen über die Schichtenarchitekturen von ERP-Systemen, von Unternehmenssoftware angefangen von den 60er, 70er, 80er Jahren bis heute zu Multiscale, Microservice-Architekturen, die so langsam Einzug finden in die Welt der Unternehmenssoftware. Das dauert deswegen auch immer ein bisschen länger als natürlich im Consumerbereich, weil Unternehmenssoftware, gerade ERP, hochkomplex ist, hochintegrativ ist.

Ich gehe eigentlich aus den Beobachtungen der Vergangenheit davon aus, dass sie bestimmt sechs bis acht Jahre brauchen, bis sie ein vernünftiges ERP-System in Bezug auf Technologie, aber insbesondere auch in Bezug auf die betriebswirtschaftliche Funktionalität und Integration realisiert haben. Darüber ging die letzte Folge. Normalerweise mische ich meine eigenen Folgen ja immer ein bisschen mit Interviewfolgen.

Das hat jetzt mal wieder nicht geklappt. Irgendwie bin ich in der Corona-Zeit leider so landunter, dass ich immer nicht energisch genug im Nachhaken bei meinen Interviewpartnern bin. Also dürfen Sie diese Woche mit mir vorlieb nehmen und ich freue mich, dass ich heute ein Thema habe.

Das ist nicht ganz einfach, aber es passt zu den technischen Architekturen. Ich habe ein paar Rückschriften auch dazu gekriegt, positiver Art und Weise. Also vielen, vielen Dank dafür und das bestätigt mich auch in dem immer, was ich hier mit dem Podcast mache.

Wenn es Ihnen gefällt, hinterlassen Sie gerne auch mal eine Bewertung bei iTunes, idealerweise eine 5-Sterne-Bewertung, denn das hilft auch so ein bisschen, dass andere möglicherweise Interessierte oder denen dieser Podcast helfen könnte, dann in der Listung bei Apple oder bei anderen Diensten den Podcast auch schneller finden. Letztes Mal habe ich mich, wie gesagt, über die technischen Architekturen, über Mehrschichten, Multiscale-Architekturen von ERP-Systemen, von Unternehmenssoftware ausgelassen und eigentlich ist das Thema damit durch, Punkt. Ja, wenn nicht diese Vertragte Betriebswirtschaft wäre.

Und ich wage heute mal einen Blick in die Zukunft. Ich sage Ihnen nachher auch warum. Weil ich glaube, dass wir zwar über die relevanten technischen Schichten und Architekturmerkmale gesprochen haben, aber die wirklich wichtigen, gerade betriebswirtschaftlichen Aspekte, die haben wir außen vor gelassen und vielleicht ist das auch genau ein Grund, warum es uns Wirtschaftsinformatiker gibt.

Also technisch haben wir das mal weitergeschrieben. Ja, und damit ist es doch eigentlich gegessen, weil das System funktioniert ja betriebswirtschaftlich. Und das ist genau das Ding.

Wir Menschen neigen irgendwie immer dazu, das, was wir beobachten, irgendwie so als unverrückbar festzuschreiben. Also wenn es funktioniert, wie auch immer, dann funktioniert es eben. Und dann geht man in der Richtung weiter und optimiert ein bisschen feiner.

Den Menschen im Mittelalter zum Beispiel sagte der gesunde Menschenverstand, dass die Erde natürlich keine Kugel sein kann. Wäre ja noch was schöner. Denn sonst könnten ja alle Menschen auf der Unterseite herunterfallen.

Das ist doch Quatsch. Im 19. Jahrhundert rechneten Mathematiker, dass so ein Eisenbahnzug natürlich nicht schneller als 34 Stundenkilometer fahren kann, denn sonst würde ja die ganze Luft aus ihm herausgepresst und dann würden ja alle Passagiere jämmerlich ersticken.

Auch hat die Wissenschaft klar bewiesen, dass Dinge, das muss ich leider als Wissenschaftler sagen, dass Dinge, die schwerer als Luft sind, natürlich niemals fliegen können. Das war allerdings vor langer, langer Zeit und hat hoffentlich mit der heutigen Wissenschaft nichts mehr zu tun. Das hat dann bereits die Hummel, aber auch die Flugzeuge heute am Himmel natürlich falsifiziert.

Also all diese Irrtümer zeigen irgendwo rückwärts betrachtet auf, dass Erkenntnisse aus Traditionen vielleicht nicht immer so sinnvoll sind. Und das gilt natürlich insbesondere auch für die Digitalisierung und hier eben auch für Fragestellungen rund um die Architekturen von Unternehmenssoftware. Warum erzähle ich das? Wir haben in der Unternehmenssoftware ein Riesenproblem und das ist das Thema Datenaustausch.

Also bei allen architektonisch-technisch-architektonischen Gedanken können wir das natürlich lösen. Egal ob wir das losgelöst von irgendwelchen Formaten machen oder in einem engen Korba-Korsett oder in anderen Denkrichtungen. Ja, technisch ist das natürlich lösbar.

Die Frage ist die Frage nach dem Inhalt, nach der Semantik. Was für Daten werden da eigentlich ausgetauscht? Und das ist eine betriebswirtschaftliche Frage und jetzt könnte man natürlich sagen, vorweg, wir haben fast vier Jahre Forschung im E-Standards-Bereich gemacht. Man könnte sagen, es gibt doch Standards für den Datenaustausch.

Dafür ist doch zum Beispiel eine GS1 da. Dafür sind doch die internationalen Standards da. Das ist auch richtig.

Aber wir stellen eben im Gespräch mit Unternehmen immer wieder fest, dass egal wie ein Standard heißt, ob das ein Idefakt-Standard ist, ob das Zugwert ist oder, oder, oder, technisch alles lösbar, inhaltlich, semantisch gibt es da Riesenprobleme. Und diese Probleme führen eben dazu, dass man nicht sagt, einmal Standard eingeführt, jetzt können wir mit beliebigen Unternehmen die Daten austauschen, sondern dass man permanent in den entsprechenden Fachabteilungen dabei ist, am Herzen des Systems rumzuoperieren, um diese Daten verlässlich in die eigene Datenstruktur des, wie ich es nenne, Unternehmensdatenfundaments hineinzuschieben. Und das ist eigentlich der Gedanke, der weit über das hinausgeht, was wir mit den technischen Architekturen bis hin zu der neuesten technischen Lösung überdenken sollten.

Und das versuche ich jetzt so ein bisschen logisch aufzubauen und vielleicht einen kleinen Lösungsansatz für die Zukunft zu präsentieren, der, ja, Sie zumindest ein bisschen kitzeln soll in den eigenen Synapsen. Sollten Sie von ERP-Herstellern sein, sollten Sie aus Beratungshäusern sein, da freue ich mich natürlich immer, auch über Feedback, auch über gemeinsame Weiterentwicklung von Gedanken. Und das gilt natürlich auch für alle anderen Hörer, zum Beispiel aus den IT-Abteilungen vieler, vieler mittelständischer Unternehmen, von denen ich weiß, dass sie diesen Podcast hören.

Als Professor für Wirtschaftsinformatik kenne ich vermutlich sämtliche Einwände gegen die Benutzung von Computern und warum Computer nicht das leisten, was sie leisten sollen. Ich kenne vermutlich sogar fast alle Argumente gegen den Einsatz fortschrittlicher Technologien. Wer meine Geschichte im Podcast verfolgt, weiß, dass meine Vorfahren Klavierbauunternehmer waren.

Auch da hat es in den 1890er Jahren in der IHK-Zeitschrift geheißen, das kann man nicht weiter automatisieren, den Klavierbau, das kann man nicht weiter verbessern, den Klavierbau, weil entsprechend die Seele im Ohr des Schreiners, im Ohr des Klavierbauers liegt. Und aus der Zeit mit weit über 900 Arbeitsstunden pro Klavier sind dann in den nächsten 80 bis 100 Jahren nur noch rund 60 bis 65 Arbeitsstunden pro Klavier geworden, also nachdem diese Aussage getätigt wurde. Und ich glaube, das finden wir an allen Stellen und Hintergrund sind natürlich immer Automatisierungstechnologien, heute natürlich über die Digitalisierung, über die Computer und insbesondere über 1&0.

Für den Informatiker ist ziemlich offensichtlich, was Digitalisierung ist, technisch, 1&0, digitales binäres Verarbeiten von Daten. Also, um das nochmal zu sagen, auch für mich ist natürlich Digitalisierung im engeren Sinne 1&0, zukünftig vielleicht Quantencomputing, verschränkte Zustände etc. pp., aber die digitale, die virtuelle Darstellung von bestimmten Daten beziehungsweise in Bezug auf den Anwendungskontext von Informationen.

Das ist etwas, was wir aber im weiteren Sinne schon sehr lange machen, angefangen von den ersten Höhlenmenschen, die angefangen haben, das Wissen, was sie im Kopf hatten, das Erlebnis, was sie im Kopf hatten, an die Höhlenwand zu malen und damit letztendlich zu extrahieren, also anderen mitzuteilen, was sie erlebt haben. Und zwar durchaus anderen Gruppen, die in die Höhle kamen oder vielleicht am nächsten Tage der Sippe, die abends schon festschlief etc. pp.

In der Weiterführung haben wir die Schrift entwickelt, ungefähr 3.500, 3.200 vor Christus, also rundweg 5.500 Jahre Schrift zur Verschriftlichung, zur externen Darstellung von bestimmten Dingen, die wir im Kopf haben. Das hat weitergeführt zum Buchdruck, zur Schrift, zum Niederschreiben auf Papier, zum Buchdruck dann entsprechend zu Zeitungen. Und die Zeitungen sind heute auch, wenn die Bundesregierung gerne durch Subventionen am Verlagswesen festhalten will, natürlich in Form des Datenträgers Papier eher ein auslaufendes Modell.

Also all das sind letztendlich bis heute Ausläufer von Digitalisierung. Je nachdem, in welche Richtung wir jetzt abbiegen, können wir zum Beispiel sagen, Digitalisierung kann man nicht nur für Menschen lesbare Daten oder Informationen gemacht, sondern wir haben auch Digitalisierung in Form von Lochkarten zunächst für Maschinen lesbare Kommunikation erarbeitet. Und damit konnte man natürlich Automaten betreiben, sei es jetzt der Jacquard-Rebstuhl um 1805 herum oder sei es so etwas wie Polyphon, später Grammophon im Musikbereich.

All das waren Erfindungen, die natürlich in ihrer Zeit mit gewisser Behäbigkeit aus heutiger Sicht aber doch relativ schnell disruptiv auf die alten Produktlinien gewirkt haben. Und damit im weiteren Sinne der Digitalisierung Vorreiter für alle Datennutzung war. So, und jetzt haben wir heute Daten, die wollen wir natürlich größtmöglich nutzen, ohne dass wir sie jedes Mal neu erfassen müssen.

Also wenn wir sowas nehmen, ich sage was, zum Beispiel einen Apfel, dann haben wir da ganz offensichtliche Daten, nämlich die Anzahl an Äpfeln. Das interessiert den Einzelhändler natürlich ganz besonders, weil er eben zum Beispiel sein Lager weit entfernt von seiner Filiale hat und natürlich permanent wissen will, wie viele Äpfel habe ich denn noch auf Lager. Und dazu könnte er natürlich jedes Mal nachzählen, rüberlaufen in das Lager, nachzählen, um dann drei Äpfel wieder mit in die Filiale zu nehmen.

Das wollen wir nicht. Wir wollen heute dezentrale Geschäftsmodelle, Konzepte aufbauen. Das heißt, wir brauchen diese Daten virtuell in unserer Datenbank, in unserem Unternehmen.

Aber diese Daten, die könnten wir theoretisch schon von unseren Lieferanten, von unseren Produzenten bekommen. Wir müssten noch irgendwo sicherstellen, dass die Daten korrekt sind, dass man uns also zum Beispiel bei der Anzahl an Äpfeln nicht beschummelt. Das versucht man heute auch an vielen Stellen technisch zu lösen, indem man zum Beispiel mit Bilderfassung arbeitet, mit Algorithmik arbeitet, mit bestimmten Überlegungen dazu, ob das plausibel ist.

Zum Beispiel, indem man gewichtsmäßig die Anzahl an Äpfeln in großen Chargen misst oder indem man zum Beispiel, ich sage ein anderes Beispiel, bei Skisocken RFID-Chips an die Skisocken packt, sodass man im Lagereingang, im Wareneingang dann durch RFID-Scanning die Kisten gar nicht mehr oder die Paletten gar nicht mehr aufmachen muss, sondern einfach nur noch das Ganze durchfährt und damit automatisiert weiß, wie viele rote, pinke, grüne, blaue Strümpfe denn tatsächlich geliefert wurden. Und damit spart man sich jede Menge manuelles Handling natürlich im Wareneingang und hat trotzdem noch Prüfmechanismen, bekommt aber eigentlich die Daten schon vorgelagert. Und das kann man natürlich mit allen möglichen anderen Daten machen, bis hin, um beim Beispiel des Apfels zu bleiben, war die Kuh während der Apfel vom Baum fiel tatsächlich glücklich, die daneben stand, oder wurde der Apfel gespritzt, was für ein Tag war, als der Apfel gepflückt wurde etc.

pp. Diese Daten sehen wir dem Apfel natürlich nicht an. Sie können aber durchaus relevant sein, wenn wir zum Beispiel Biosupermarkt sind und diese Daten, diese Informationen in dem Falle natürlich auch zu unserem Geschäftsmodell gehören.

Also diese Daten haben wir, diese Daten brauchen wir und jetzt kommt das erste Problem, was wir betriebswirtschaftlich an der Stelle haben. Das heißt, Sie werden sehen, es ist gar kein Problem, sondern es ist eigentlich eine Chance. Als die Menschen vor einigen Jahrhunderten noch relativ kleinteilig gearbeitet haben, da war das Thema Daten eigentlich kein großes Thema.

Natürlich hat man sich bestimmte Dinge aufgeschrieben, man hat vielleicht auch zumindest mündlich das eine oder andere weitergegeben, aber wirklich gewissenhaft wurde nur eine Datendimension gepflegt und das ist das Geld. Das ist die Dimension normierter Wert von Objekten, zumeist weil die Menschen Handel betrieben haben von Artikeln, von Produkten, die man erstellt hat, von Tieren, Eiern, Brot etc. pp.

Am Anfang hat man das noch als Tauschbasis, eine Ziege gegen drei Hühner oder ähnliches, gehandelt mit dem Problem, da war nichts normiert, da konnte man wahnsinnig schlecht austauschen, denn vielleicht waren die Hühner zu mickrig und gaben keine Eier, vielleicht war die Ziege, das Pferd, die Kuh viel zu alt und starb schon auf dem Nachhauseweg. Wir wissen es nicht, auf jeden Fall war das relativ schnell problematisch und man hat durch diese Normierung, Geldeinheiten, Euro gab es noch nicht, aber es gab viele, viele, viele Währungen im Laufe der Geschichte, hat man außerhalb des Computerwesens natürlich eine Wertdimension und auch eine Wertaufbewahrungsdimension losgelöst vom eigentlichen Produkt geschaffen. Jetzt könnte ich philosophisch über Inflation reden, über vielleicht eine etwas andere Betrachtung auf das Thema Geld, als es die Volkswirte haben.

Ich lasse das mal an der Stelle. Die Arbeit war, wie gesagt, relativ groß organisiert, d. h. die einzelne Arbeitskraft, der einzelne Handwerker, der einzelne Bauer, der hat im Grunde genommen die komplette Wertschöpfung abgedeckt und man hat wertschöpfungsübergreifend Handel betrieben, in gewissen Teilen auch Dienstleistung, wobei der tertiäre Sektor da noch gar nicht so ausgeprägt war. Jetzt passierte das, was wir die industrielle Revolution nannten.

Plötzlich entstanden Unternehmen. Aus dem Einzelschreiner wurde das Klavierbauunternehmen mit zunächst fünf, sechs, sieben Gesellen, Handwerkern, Mitarbeitern und das wurde branchenübergreifend immer größer. Und die Produkte, die verkauft wurden, die wurden natürlich auch immer anspruchsvoller, wo am Anfang nur ein einfaches Huhn stand, wenn das dann gestorben war und es eine Reklamation gab, dann konnte man das halt gegen ein anderes Huhn austauschen.

Ich war neulich in Eichstätt, da gibt es so ein Tauchverlies, da wurden die Bäcker dann reingesperrt und dann wurden sie unter Wasser getaucht, wenn die Brötchen nicht eine bestimmte Größe hatten. Also man hat den Schaden zu der Zeit noch relativ gut und schnell ausgleichen können. Aber im spätestens 19.

Jahrhundert mit der industriellen Revolution wurden die Produkte eben immer komplexer. Der Wohlstand stieg, damit wurden die Produkte natürlich auch immer wertvoller und man hatte bis dato schon Personengesellschaften verschiedener Arten rechtlich ins Leben gerufen. Und dann hatte man natürlich das Problem, dass sich die Frage stellte, was ist denn jetzt eigentlich, wenn so ein Produkt nicht funktioniert und der Käufer Schadensersatz verlangt von demjenigen, der es produziert hat.

Und dieser Wert dann auch entsprechend diese persönliche Haftung deutlich übersteigt. Und das ist eigentlich so ein bisschen der Ausgangspunkt der modernen juristischen Gesellschaftsformen. Ich greife mal stellvertretend die GmbH heraus.

GmbH ist aus heutiger Sicht bummelig 120, 125, 130 Jahre alt. Die GmbH ist letztendlich ein künstliches Gebilde. Es gibt die natürliche Person, die Firma, die GmbH ist eine juristische Person.

Und das hat man eben genau damit geschaffen, um eben die Haftung von einer einzelnen Person, wie man es bei der Personengesellschaft hat, wegzunehmen und damit auch komplexere, größere Geschäftsmodelle zu erlauben. Das war am Anfang noch relativ eingeschränkt. Die Ausbreitung relativ klein.

Also 1892 sind 64 GmbHs im deutschen Raum verzeichnet. 1902, 10 Jahre weiter bereits fast 5000. Und diese Zahl ist eigentlich bis heute explodiert mit deutlich im Millionenbereich von verschiedenen GmbHs.

Der Ursprungsgrund der Abgrenzung, der Haftungsabgrenzung, wurde zunehmend durch weitere Aspekte wie steuerliche Aspekte ergänzt, sage ich mal, in Teilen, zum Beispiel über Holdingsstrukturen, über Vermögensverwaltende GmbHs natürlich auch situiert. Also da steht dann bei diesen Strukturen weniger der Haftungsausschluss, der persönliche im Vordergrund, als vielmehr steuerrechtliche Aspekte. So, die meisten der heutigen GmbHs sind denn auch aus einem Bereich, bei denen, ich glaube, 95, 96, 97 Prozent nur ein bis fünf Mitarbeiter zu verzeichnen sind.

Bummelig um die 40 Prozent sind tatsächlich nur ein Personen GmbHs, die vor allen Dingen aus steuerlichen Gründen gegründet sind. Wir haben einen großen Teil von Stromangesellschaften. Also sie finden heute unterschiedliche Gründe.

Ja, und da merken sie schon, jetzt greift eigentlich diese Datendimension, denn was die Leute da natürlich machen ist, sie versuchen aus steuerlicher Perspektive diese monetären Werte zwischen GmbHs so hin und her zu schieben, dass sie größtmöglich wenig Steuern zahlen. Das machen einerseits die großen Konzerne, Amazon, Apple, Starbucks, aber das machen zunehmend eben auch Family Offices oder windige Unternehmer. Und wir haben noch eine zweite Chance, weit über die Dimension Wert hinaus.

Wir können das nämlich auch für alle Daten über andere virtuelle Dimensionen hinaus machen. Wir können das insbesondere für die Leistungserbringung machen. Wir nennen das im ERP-Jargon Inter-Company-Prozesse.

Das heißt, wir können zum Beispiel im einen Land die Vertriebs-GmbH ausprägen und im anderen Land die Produktions-GmbH und vielleicht im dritten Land die Holding-Struktur unserer Leistungserbringung. Und wenn wir geschickt mit den realen Aspekten spielen, bei zentraler Datenhaltung über diese verschiedenen Firmen, dann können wir natürlich fantastische Steuersparmodelle aufbauen. Ob das immer gut ist, ob das ethisch korrekt ist, sei an der Stelle dahingestellt.

Fakt ist, mit ERP oder, wie ich gerne sage, um über den Begriff ERP hinaus zu gehen, mit dem Unternehmensdatenfundament können wir das machen. Und wir können damit fantastische Gestaltungen quer über Europa bzw. quer über die Welt machen, wenn es uns gelingt, diese Daten zwischen den verschiedenen operativen und nicht operativen Einheiten, GmbHs, Limiteds, Unternehmen auszutauschen.

Und natürlich macht dieser Aspekt nicht an der Grenze der eigenen Unternehmensorganisation Halt, sondern das können wir natürlich auch mit unseren Lieferanten, mit unseren Kunden machen. Und das ist etwas, was wir eben mit digitalen Schnittstellen, mit E-Standards in den letzten Jahren, eigentlich schon in den letzten zwei, drei Jahrzehnten, aber heute noch viel stärker machen. Und wo heute die eigentlichen Probleme liegen und wo wir eben, und deswegen komme ich auf das Thema, auch betriebswirtschaftlich über die Architekturen von Unternehmenssoftware vielleicht nochmal neu nachdenken sollten und überlegen sollten, wie wir mit dem Thema umgehen.

So, jetzt spanne ich Sie so ein bisschen auf die Folter, denn mit Blick auf die Uhr sehe ich, dass wir uns langsam den magischen 30 Minuten nähern. Und damit habe ich es doch tatsächlich nur geschafft, die Herleitung für mein eigentliches Thema betriebswirtschaftliche Architekturen zu motivieren. Und da starten wir nächste Woche weiter durch.

In diesem Sinne, ich wünsche Ihnen noch eine schöne Restwoche. Keep connected. Herzlichst, Ihr Axel Winkler.

Weitere Hinweise, Links und Aktualisierungen zu dieser Folge. Das war der ERP-Podcast für alle, die sich aktiv mit dem Einsatz und der Gestaltung von Unternehmenssoftware und den daraus entstehenden Veränderungen und Potenzialen in Unternehmen losgelöst von Fachzeitschriften, Büchern und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, zum Beispiel beim Spazierengehen oder Autofahren, auseinandersetzen wollen. Mein Name ist Axel Winkelmann.

Ich bin Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg.