Die Entwicklung eines ERP-Systems ist aufwändig und sehr teuer. Dennoch ist es für den ERP-Hersteller notwendig, die technologischen Neuerungen und Weiterentwicklungen im eigenen System auch nachzuvollziehen. Im Interview mit Arnold Katerle-Böhm, Gründer und Geschäftsführer des Softwareherstellers SE Padersoft mit rund 20.000 ERP-Anwendern im Groß- und Einzelhandel, spreche ich über die wechselvolle Geschichte der Technologien und den Spagat von Softwareunternehmen zwischen betriebswirtschaftlichen Kundenanforderungen und technologischen Innovationen.
Sie erfahren im zweiten Teil des Interviews,
- warum es vergleichsweise wenige ERP-Neuentwicklungen gibt,
- wie Kunden am besten mit betriebswirtschaftlichen Neuerungen in einem Softwareupdate umgehen können und
- welche betriebswirtschaftlichen und technologischen Neuerungen zukünftig einen besonderen Stellenwert haben werden.
Viel Vergnügen.
Literaturempfehlung:
- Hüther, G.: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. 2010
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In diesem Sinne: keep connected.
Herzlichst
Ihr
Axel Winkelmann
Transcript:
ERP-Podcast, Folge 59. Technologie-Migration, zweite Teil. Unternehmenssoftware im Wandel der Zeit, ein Interview mit Arnold Carter-LeBoehm, Geschäftsführer und Gründer der SEPADA Soft GmbH & Co.
Die Entwicklung eines ERP-Systems ist aufwendig und sehr teuer. Dennoch ist es für den ERP-Hersteller notwendig, die technologischen Neuerungen und Weiterentwicklungen im eigenen System nachzuvollziehen. Im Interview mit Arnold Carter-LeBoehm, Gründer und Geschäftsführer des Softwareherstellers SEPADA Soft, mit rund 20.000 ERP-Anwendern im Groß- und Einzelhandel, spreche ich über die wechselvolle Geschichte der Technologien und den Spagat von Softwareunternehmen zwischen betriebswirtschaftlichen Kundenanforderungen und technologischen Innovationen.
Sie erfahren in diesem zweiten Teil des Interviews, warum es vergleichsweise wenige ERP-Neuentwicklungen gibt, wie Kunden am besten mit betriebswirtschaftlichen Neuerungen in einem Software-Update umgehen können und welche betriebswirtschaftlichen und technologischen Neuerungen zukünftig einen besonderen Stellenwert haben werden. Viel Vergnügen. Herzlich willkommen zum ERP-Podcast.
Dem Podcast für alle, die sich aktiv mit dem Einsatz und der Gestaltung von Unternehmenssoftware und den daraus entstehenden Veränderungen und Potenzialen in Unternehmen auseinandersetzen wollen. Mit diesem Podcast möchte ich Sie mit eigenen Gedanken und Interviews bei der Gestaltung moderner IT-Konzepte nebenbei, also zum Beispiel beim Spazierengehen oder Autofahren begleiten. Damit möchte ich Ihnen in dieser von technologischen Veränderungen geprägten Zeit Informationen anbieten, die sich in Zeitschriften, Fachbüchern und wissenschaftlichen Artikeln in dieser Form nicht darlegen lassen und für die sich im hektischen Alltag ohnehin nicht die Zeit findet.
Mein Name ist Axel Winkelmann. Ich bin Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg. Sie haben es eben schon angesprochen, es gibt nur ganz wenige, Sie haben gerade gesagt, die die Kurve gekriegt haben, die eine komplette Neuentwicklung auch gemacht haben.
Mir fallen ein paar Mitbewerber ein, die wirklich auch noch mal parallel zu dem originären System von scratch, also wirklich auf der grünen Wiese angefangen haben, aber es sind nur ganz wenige. Ja, bestimmt. Liegt das einfach an den Kosten, an dem Aufwand? Gibt es Vorteile, gibt es Nachteile? Ja, also die Kosten, das kann ich Ihnen sagen, die sind enorm.
Wir haben jetzt unsere neueste Version, Unitred 7, auf die die Kunden schon viele Jahre gewartet haben. Die ist jetzt seit letztem Jahr im Ausrollen da drin. Das haben wir aus dem operativen Geschäft heraus finanziert.
Wir haben da bestimmt 15 neue Leute mit eingestellt oder knapp 20, die nichts anderes machen als diese Software jetzt auf dem neuesten Stand zu halten und zu bringen. Und das kostet natürlich schon eine ganze Menge Geld über die vielen Jahre hinweg. Also das ist auch eine Geldfrage in erster Linie.
Jetzt gehe ich mal von Technologie und Pekunierem weg Richtung BWL. Aus Ihrer heutigen Sicht, wie schnell würden Sie sagen, kann man heute ein vernünftiges, von der Funktionalität gereiftes ERP- oder Warenwirtschaftssystem entwickeln, wenn man komplett neu anfängt? Ja, das ist eine schwierige Frage. Ganz viel schwieriger geht es nicht, weil da hängen ja ganz viele Dinge noch mit dran.
Also wenn einer jetzt so ein System entwickeln wollte, wie wir oder unsere Mitbewerber, mit denen wir uns ungefähr auf Augenhöhe sehen, entwickeln will, dann muss er ganz, ganz, ganz viel Geld in die Hand nehmen. Vor zehn Jahren gab es die Software Semiramis. Die wurde von einem österreichischen Investor in Freiburg entwickelt.
Das war eine browserbasierte Warenwirtschaft. Das war damals der Hype. Da haben sie sich alle drum gerissen, diese Software zu kriegen.
Und dann war das Geld alle. Und dann hat der Österreicher gesagt, ich gebe nichts mehr. Und dann war das Ding tot.
Das war die KTW damals in Österreich. Und dann ist es an Softening und heute an Comarch verkauft worden. An Comarch verkauft worden, genau.
Und damals erinnere ich mich, da ging es um einen Nachschuss von ungefähr 40 Millionen Euro. Wo man dann die Hand hochgehoben hat und gesagt hat, das machen wir jetzt nicht mehr. Und da ist ja vorher auch schon ein ganzes Geld mit reingeflossen.
Also ich würde mal sagen, wenn man so ein Ding neu vom Scratchy heute aufsetzen würde, mit 30 Leuten, die daran arbeiten, dann sind 50 Millionen Euro nicht allzu hochgegriffen. Ja, also mir fallen da auch nur spontan ein paar SAP-Zahlen ein. Mit Herrn Zenke habe ich ja auch im Podcast über das Business by Design die Neuentwicklung auf SAP-Seite gesprochen.
Das kann man auch beliebig mit Nullen skalieren, das ganze Entwicklungsthema. Ja, ja, beliebig. Ich sehe es ähnlich.
Ich sehe vor allen Dingen auch, dass ich die Entwicklung nicht beschleunigen kann. Das heißt, ich kann natürlich beliebig viele Programmierer hinsetzen und losgelösten Masken und Technologie programmieren lassen. Aber gerade dieses Zusammenspiel einzelner Funktionalitäten, die eben alle auf dem gleichen Datum, auf den gleichen Daten arbeiten, das kann ich einfach nur mit einer Kernmannschaft von 10, 20 Entwicklern vielleicht machen.
Und das behindert mich einfach in der Geschwindigkeit, auch Unternehmenssoftware zu entwickeln, ja? Genau so ist es. Früher gab es ja so einen weißen Spruch, das heißt, was ist ein IBM Mania? 720 Leute ein Vormittag. Ja.
Gut. Jetzt liebt der Kunde ja das, was er kennt. Das ist, glaube ich, in jeder Branche so.
Das ist so, ja. Also egal, ob Sie Lebensmittelhändler sind und Ihren Laden umstellen oder ERP-Hersteller und die technische Basis Ihrer Software umstellen. Der Kunde reagiert immer mit Irritationen wahrscheinlich, ja? Genau.
Wie reagieren Kunden auf technische Veränderungen, die ja wahrscheinlich auch auf funktionale Veränderungen dann zu funktionalen Veränderungen führen? Die Schwierigkeit, Herr Dr. Winkelmann, ist die, dass die Leute heutzutage im Tagesgeschäft gar nicht mehr die Zeit haben, sich mit den Neuerungen auseinanderzusetzen. Sie haben ja mal eine Frage gestellt, wie die Neuerungen den Kunden bekanntgegeben werden und wie das gemacht wird. Wir haben so eine Internetseite, die heißt ISS und das ist Internet Support System.
Dort gibt es einen Download-Bereich und dort werden jeden Tag alle neuen Punkte mit Erläuterungen und Beschreibungen hineingestellt. Und wenn man dann mal draußen beim Kunden ist und mit dem spricht, dann das Schöne wäre, wenn das auch noch so und so ginge, sagen die dann, Sie müssen doch nur den Schalter 248 auf Ja stellen, dann geht das doch. Oh, wenn ich das gewusst hätte, dann hätten wir schon drei, vier Jahre damit arbeiten können.
Die Masse der Funktionalitäten, die heute angeboten werden, ich sehe das bei mir selber, wenn ich mit unseren Vertriebsleuten draußen eine Präsentation mal ab und an mache, was die da alles eingebaut haben, von Post-its über Arbeitsmerker, also was es alles gibt, da ist ein normaler Mitarbeiter, der an der Theke irgendwo sitzt in einem Baumarkt, ist mit dieser Flut an Funktionalitäten völlig überfordert. Ja, also wenn ich jetzt mal gedanklich so ein bisschen zurückgehe für ein paar Jahrzehnte, dann war die BWL in den Unternehmen, glaube ich, ich bin noch nicht so alt, aber relativ überschaubar. Ja.
Und mit der zunehmenden Arbeitsverdichtung, mit der zunehmenden Internationalisierung ist die BWL in den Unternehmen sicherlich immer komplexer geworden. Ja. Die Mitarbeiter sind aber nicht unbedingt akademischer geworden oder in Bezug auf die BWL intellektueller geworden oder ähnliches.
Genau. Sehen Sie da nicht auch zunehmend die Aufgabe der ERP-Hersteller, die ja eigentlich die BWL auch umsetzen in Software-Code, in BWL 2.0, wenn sie so wollen, hier die Kunden zu schulen und ihnen zu helfen, eine bessere BWL zu leben, also ein besseres Business aufzubauen, ein besseres Geschäftsmodell? Ja, schön wäre das, wenn man das könnte. Ist toll gesprochen jetzt so, ich bin ja Theoretiker von uns beiden hier.
Also wir haben zurzeit ungefähr 20.000 Anwender, wenn ich mal so ganz grob alles zusammenrechne. Und wie will man das machen, an diese Leute herankommen? Ich höre das von unseren Kunden draußen, die dann ausländische Mitarbeiter einstellen, die kaum richtig schreiben können, aber den ganzen Job machen sollen. Und die dann noch nicht mal sagen, das habe ich jetzt gerade im März, unser IT-Forum wieder in Lipspringe, und da hat einer von unseren Kunden einen Vortrag gehalten, und da hat er gesagt, da kommt der Ali rein und sagt, brauche ich Zement.
Dann fragt der Verkäufer, welchen Zement? Ja, mein Zement. Damit will er sagen, dass er den vom letzten Mal haben will. Ja, was war das denn für einer? War so ein gelbes Schild.
Ja, dann steht der Verkäufer da, und jetzt haben wir ja dann die ganzen Bilder, die ganzen Artikelbilder, wie im Internetshop, ja auch in der Warenwirtschaft so integriert, dass also eine Gleichschaltung stattfindet zwischen dem Internetauftritt und dem ERP-Auftritt. Und dann holt er ihm die Bilder davor, und dann klickt der Ali da drauf und sagt, das ist mein Zement. Das ist ja schon, sagen wir mal, ganz, ganz, ganz weit flach unten.
Das heißt, die Mitarbeiter draußen, die bei unseren Kunden arbeiten, müssen sich dann auch noch mit solchen Dingen auseinandersetzen, und zwar am laufenden Band. Und die sind so unter Strom. Sie wissen ja, wie die Wirtschaft momentan läuft.
Die Handwerker werden immer weniger, sie kriegen kaum noch einen. Und die ganzen Händler, die die Handwerker zum Beispiel beliefern, die müssen da alle Komfortstufen zünden, die sie irgendwie zünden können, um diese Kunden zu halten. Jetzt überlege ich gerade, wie ist das dann für Ihre Kunden? Reagieren die positiv auf Veränderungen, die Sie letztendlich mit einer neuen Version hervorbringen? Sie haben gerade gesagt, die neue Version 7 von Unitrade ist seit letztem Jahr im Rollout.
Ist das etwas Positives für die Kunden? Oder sagen die, lass mich damit in Ruhe, ich gehe lieber zu einem anderen ERP-Hersteller oder so? Nein, das haben wir nicht. Es gibt natürlich mal in drei, vier Jahren einen, der wechselt, weil er aufgekauft wurde. Und dann der Aufkäufer sagt, du setzt meine Software ein.
Das gibt es mal. Aber die Kundentreue, die wir haben, wenn ich die Euro-Baustoff-Kunden sehe, da haben wir an die 100 Kunden davon, die sind schon seit 1991 dabei. Und mit Bauhaus arbeiten wir auch schon seit 1992 zusammen.
Also 20, 25 Jahre, dass die Kunden bei uns sind, das ist überhaupt keine Seltenheit. Wenn die wechseln würden, dann müssten wir etwas falsch gemacht haben. Nicht mehr auf dem Stand der Zeit, nicht mehr die Funktionalität, die heute angefordert wird und so weiter.
Ganz im Gegenteil, die schauen sich das an. Wir haben zum Beispiel im letzten Jahr schon unsere Virtual Reality-Geschichte gezeichnet, wo der Kunde unseres Kunden reinkommt und dann gibt es so einen Raum. Dann setzt er sich die Brille auf und hat ein virtuelles iPad.
Dann kann er draufklicken für Fliesenbelag oder Teppichboden. Dann wird der ganze Raum damit ausgelegt. Dann macht er die Wandfarbe so und so.
Wenn er fertig ist, sagt er bestellen. Dann wird ein Unit-Rate-Auftrag angelegt, wo der Artikel bestellt wird. Das finden unsere Kunden total toll, total klasse.
Aber sie machen es nicht, weil sie mit ihrer jetzigen Software immer noch Menge mal Preis plus Mehrwertsteuer rechnen können. Weil sie wissen, wie das geht. Weil sie wissen, wie man es bedient.
Vor 10 Jahren, wenn eine Ausschreibung kam, stand immer drin, kann man die Anwendung auch mit Maus bedienen. Heute, wenn eine Ausschreibung und ein Reinkommen steht drin, kann man die Anwendung auch mit Funktionstasten bedienen. Weil man inzwischen gemerkt hat, wenn man mit der Maus quer über den Bildschirm oben in ein kleines Kästchen reinfahren muss, dass es viel zu lange dauert im Verhältnis, wenn ich da die Taste F7 drücke oder F6.
Da haben Sie eine gute Frage gestellt, Herr Dr. Winkelmann. Das ist wirklich so. Die möchten das alle gerne haben.
Die gucken sich das bei jeder Präsentation an. Aber sie finden nicht die Kurve, jetzt darüber zu wechseln. Von unseren Altkunden haben wir jetzt 5, lass es 10 sein, auf die neue Version mit umgestellt.
Alle anderen sind noch auf der älteren. Wir brauchen diese neue Version aber dringend im Vertrieb. Weil wenn wir bei dem Neukunden draußen aufschlagen, dann muss es ein richtiger Abstand zu dem sein, was er heute hat.
Ist das nicht auch ein Plädoyer, dass Sie als ERP-Hersteller in gewisser Weise in Verantwortung sind, im Coaching sind von Unternehmen, damit sich die Unternehmen auch weiterentwickeln. Ich spreche ja unglaublich viel über Digitalisierung, gerade in diesem Podcast, mit ganz unterschiedlichen Leuten. Wenn Sie z.B. Folge 50 zur Vollautomatisierung im E-Commerce hören, da ist ein Unternehmen, das macht das ganz anders, mit ganz wenigen Mitarbeitern.
Und dann gibt es Unternehmen, die machen das alles manuell und gucken das Bildchen an usw. Ist da nicht auch eine Gefahr, wenn wir das als ERP-Hersteller nicht tun, in diesem Technologie-Migrationspfad, die Kunden nicht mitnehmen, nicht aufklären, nicht sie dazu bringen, neue Dinge auch auszuprobieren, anzuwenden, dass wir irgendwann die Kunden verlieren, weil es sie nicht mehr gibt, diese Geschäftsmodelle, diese Unternehmen? Ja, ich kann vielleicht ein gutes Beispiel dazu sagen. Wir haben seit 25 Jahren vertreten, wir haben die Meinung, ein Unternehmen braucht nicht die Buchhaltung zum Buchen, weil der Buchenstoff automatisiert aus dem System erzeugt wird.
Jeder Vorgang, der buchungsrelevant ist, ist ja schon da. Dann wird er ausgedruckt, wird dann in die Buchhaltung gegeben und die setzen sich dann vom Buchenspielschirm und tippen soll gegen haben ein usw. Das versuchen wir seit Jahren, wenn ich seit 2 Jahrzehnten den Kunden beizubringen, hört doch mit dieser händischen Bucherei auf, das geht doch elektronisch.
Da gab es 4.0 noch gar nicht. Aber die Schwierigkeit liegt im Betrieb, da gibt es eine Buchhaltungsabteilung, da sitzen 6 Mädchen, 2 Jungs und der Chef und der wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, dieses Verfahren jetzt einzuführen, dass die Buchhaltung nur noch eine Auswertungssoftware ist und der Buchenstoff aus dem Tagesgeschäft automatisch da reinfließen muss.
Da habe ich schon meinen Mund fusselig gerechnet über die ganzen Jahre. Das ist einfach nicht zu machen. Die Macht der Buchhalter in den Unternehmen ist so stark, dass diese Innovation, was ja wirklich schon damals eine Innovation gewesen wäre, sich einfach nicht durchsetzen kann.
Also ich kann natürlich die Augen schließen. Ein schönes Beispiel ist immer der Marktplatz, der vor 100 Jahren genauso aussah wie heute. Und damit kann ich eigentlich alles Digitale ignorieren.
Und genauso kann ich alle betriebswirtschaftliche Automatisierung, die letztendlich mit modernen Warenwirtschaftssystemen, mit modernen ERP-Systemen möglich sind, ignorieren. Die Frage ist natürlich, ab wann überholt mich der Markt oder ab wann gibt es einen zentralen Player. Wir sprechen ja heute sehr viel über Plattform-Märkte.
Das heißt, es gibt einen, der sehr viel Business macht. Die anderen machen entsprechend sehr viel weniger. Also zentrales Beispiel Amazon an der Stelle.
Ab wann wird es für mich signifikant eng und mein Geschäftsmodell bricht zusammen an der Stelle? Ja, wir haben ja heute im Mittelstand, Sie kennen sich im Mittelstand ja auch aus, die ältere Generation, wo jetzt die jungen Leute nachgewachsen sind und da reinkommen. Da ist der Firmenchef, der ist jetzt 68 und rennt immer noch jeden Morgen eine Stunde durch die Büros durch. Das haben wir früher aber anders gemacht.
Und der sieht die Not gar nicht. Ich war gerade jetzt vor ein paar Monaten in Mönchengladbach bei einem Kunden. Da war der Senior-Chef dann auch da.
Sieht, dass da jetzt acht Leute um den Tisch sitzen und ein Problem besprechen. Und dann fragt er sich, was machen die da eigentlich? Dann versucht man ihm das zu erklären. Der versteht das gar nicht, was EDI ist.
Das ist ihm gar nicht geläufig. Und wenn man es dem Nachwuchs dann auch nicht mehr erklären kann, dann wird es schon ganz schwierig. Und es ist oft so, dass die dann gute Fachleute sind, was jetzt irgendeine Branche angeht, aber diesen IT-Bereich gar nicht richtig besetzen können.
Und da ist wahnsinnig viel Luft in den Betrieben drin, also wahnsinnig viel Luft. Ich bin auch öfter draußen rumgefahren auf freiwilliger Basis und habe mir die Firma angeguckt von dem und von dem und von dem. Was machen die da eigentlich in den Abteilungen? Mit einem Lösungsvorschlag, wie man das besser machen und anders machen kann, ohne da einen großen Aufwand zu betreiben.
Das dauert Wochen, Monate, Jahre, bis dieser Zettel dann wieder rausgeholt wird und gesagt wird, was haben wir denn damals festgestellt? Jetzt wollen wir mal diesen und jenen Punkt mal angehen. Also das ist wahnsinnig schwierig. Die Industrie ist da ja wesentlich weiter.
Die müssen ja auch weiter sein, weil wenn sie ihre Autos bauen und was weiß ich. Das ist alles Roboter. Das ist ja vom normalen mittelständischen Handel ja Kilometer weit entfernt.
Aber heißt das vielleicht momentan auch noch, also wir sprechen ja immer über Digitalisierung auch als Schlagwort, aber heißt das, dass vielleicht die Komfortzone für den mittelständischen Handel, nicht in allen Branchen, aber durchaus noch in einigen Branchen, noch viel zu groß eigentlich ist? Dass da noch viel zu viel Schlendrian gefahren werden kann heute? Genau, weil man dort gar nicht danach schaut, wie die Prozesse laufen und ob die jetzt gut oder schlecht laufen, sondern man schaut am Jahresende nach der Umsatzrendite. Und in vielen Branchen, wo wir zu Hause sind, haben die eine Umsatzrendite von 1,8 Prozent oder von 2,5 Prozent. Ein guter hat dann 4,5.
Und solange diese Umsatzrendite da ist, sagt der Inhaber, der vielleicht gar nicht mehr operativ tätig ist, solange ich jedes Jahr mal 1,5 Millionen da rauskriege, ist mir das doch alles recht. Das ist typisch der Mittelstand. Das kann sich ein Großunternehmen gar nicht leisten, so eine Geschichte.
Ich nehme das jetzt aber auch mal im Rahmen dieser BWL-Technologie-Migration als Aufgabe letztendlich auch für ERP-Hersteller, für Hersteller von Unternehmenssoftware, hier auch die Kunden aktiv im Sinne des deutschen Mittelstandes zu treiben. Ja, genau. Ich würde gerne noch mal ein paar abschließende Fragen auch zu Ihnen stellen, denn ich gucke mal ein bisschen auf die Uhr.
Ja, stimmt. Es macht Spaß, mit Ihnen sich darüber zu unterhalten, weil Sie auch so viel Erfahrung aus vielen Jahrzehnten im Bereich Unternehmenssoftware mitbringen. Wenn Sie sich selber einordnen, warum sind Sie beruflich das geworden, was Sie heute sind, neben den vielen Zufällen? Also das habe ich ja vorhin bei meinem kurzen Lebenslauf, den ich eingeschildert habe, schon mal ein bisschen angedeutet.
Wenn ich etwas mache, dann wird das für mich langweilig und ich möchte den nächsten Schritt machen, was kommt. Ich habe mich immer mit dem, was kommt, beschäftigt und nicht mit dem, was ist. Und damit bin ich eigentlich sehr gut gefahren.
Man hat natürlich auch eine Risikobereitschaft dabei, das ist klar. Als wir damals die Firma Palasoft gegründet haben, da haben wir 25.000 DM Stammkapital einbezahlt und haben dann mit 50.000 DM, wir beide, mein Geschäftspartner und ich, den ich sehr schätze, dann gemeinsam da angefangen. Und ja, dann so und so viele Jahre später dann 70 Leute zu haben und große Kunden zu haben und so weiter, das geht immer nur, wenn man immer auf der Höhe der Zeit bleibt.
Und das war immer mein Anliegen, dass uns keiner sagen kann, oh, da seid ihr ja veraltet und da kann der andere was besser. Das habe ich nie so gerne gehört. Deswegen versuchen wir nicht immer auf gleicher Augehöhe zu bleiben, sondern, was ich eben mit Virtual Reality sagte, immer einen Schritt noch weiter zu sein als die anderen.
Was war rückblickend Ihr größter beruflicher Erfolg? Ja, der größte berufliche Erfolg war, dass wir 1995, 1996 die Gelder, die wir von den Banken hatten, zurückbezahlen konnten und seitdem keine Banken in dem Sinne mehr brauchen. Ja, das ist ja vielleicht auch ein interessanter Indikator. Wenn man an die Auswahl eines ERP, eines Warenwirtschaftssystems geht, ist sicherlich die Finanzierung auch ein großes Fragezeichen, wo natürlich die Kunden auch sehr stark drauf schauen.
Genau. Gibt es besondere Eigenschaften, die Sie haben und die man in Ihrem Beruf besonders braucht? Ja, also man muss natürlich in dem Beruf eine Überzeugungskraft haben. Wenn Sie in so eine Präsentation reingehen, gerade bei so einem größeren Unternehmen, da sitzen da 10, 15 Leute und das ist wie im Löwenkäfig.
Wenn dem Löwen nicht klar ist, wer der Dompteur ist und wer der Löwe ist, dann kann es ganz schwierig werden. Und das ist sicherlich eine Sache, die man haben muss, dass wenn man in so eine Runde reingeht, dann eine Überzeugungskraft mitbringt, die die anderen akzeptieren und auch, wo Sie sagen, der kennt sich in der Branche aus oder der kennt sich bei uns aus, die dann gerne zuhören. Und man macht dann auch mal ein paar schöne Witze dazwischen, ein bisschen Spaß muss da auch mit dabei sein.
Aber ich glaube, die Überzeugungskraft, das ist das Wichtigste, was man in einer besonderen Firmengründung braucht. Auch unsere Vertriebsleute müssen das heute auch machen. Sollten die auch haben, aber das ist, glaube ich, die wichtigste Stelle.
Gibt es da bestimmte Dinge, wo Sie sagen, wow, das hast du gut hingekriegt, jetzt kam viel Wind und ich war in der Lage, den Leuten auch zu helfen, das Problem zu lösen oder das Problem auch so zu kanalisieren, dass Sie das als ERP-Hersteller auch entsprechend umsetzen können? Ja, also ich kann mich an viele Situationen erinnern, wo irgendwelche Dinge auch mal nicht so gut gelaufen sind. Das ist auch klar, das ist ja nicht alles immer Eitel, Freude, Sonnenschein gewesen. Und gerade, wenn man dann einen übergroßen Kunden plötzlich dazu bekommen hat, den man vorher noch nicht hatte und dann die Laufzeiten schlecht waren und dann musste alles optimiert werden und so weiter.
Da gab es schon auch ganz viele, ich kann mich erinnern, in der Anfangszeit bin ich 90.000 Kilometer im Jahr im Auto gefahren, von einer Besprechung zur anderen. Zurück, Entwicklern gesagt, was jetzt da gemeldet wurde und dann wieder ins Auto und wieder weiter. Also es war schon eine sehr, sehr anstrengende Zeit, aber wir haben es dann letztendlich immer doch am Ende hingekriegt, dass der Kunde nicht abgesprungen ist und dass das Projekt dann zu laufen kam.
Das sind viele Kilometer im Jahr. Heute würde man wahrscheinlich meinen Podcast hören dabei. Genau.
Aber es gibt natürlich auch Bücher oder generell andere Arten der Weiterbildung. Wie halten Sie es selber? Gibt es bestimmte Bücher, die Sie beruflich, die Sie vielleicht auch privat weitergebracht haben, die Sie unseren Lesern oder Zuhörern vielmehr empfehlen können? Ja, ich hätte jetzt gesagt, das Unitred Bedienungshandbuch. Nein, Scherz.
Ich habe mal ein interessantes Buch gelesen, das hieß Die Bedienungseinleitung für das menschliche Gehirn. Da ging es darum, im Gehirn laufen ja chemische Prozesse ab. Und was ist Wut? Was ist Eifersucht? Was ist Angst? Was macht die Chemie im Kopf, um Angst zu haben? Was macht die Chemie im Kopf, um eifersüchtig zu sein? Das fand ich sehr interessant.
Das ist schon über 10 Jahre her. Ich habe es in der Zwischenzeit auch nicht nochmal gelesen, aber das fand ich vom Ansatz her mal was ganz anderes. Ich frage genau aus dem Grund ja auch jeden nach irgendwelchen Büchern, weil jeder irgendwo andere Schätze hat, aus denen er sich bediente.
Herzlichen Dank für den Hinweis. Den werden wir natürlich in den Show Notes zu dieser Folge und auf der Webseite entsprechend verlinken. Jetzt sind Sie wahrscheinlich auch viel im Internet unterwegs.
Nicht mehr 90.000 Kilometer auf der Autobahn, sondern im Internet. Gibt es da auch bestimmte Dienste oder Webseiten, die Ihnen tagtäglich weiterhelfen? Ja, also der meistgebrauchte Dienst ist WhatsApp, sowohl beruflich als auch privat. Ansonsten, ich meine, ich gucke im Fernsehen auch keine Spielfilme und nichts.
Also was da im Hintergrund im Internet abläuft, das interessiert mich eigentlich weniger. Ich bin ein Nachrichten-Typ, ich höre mir die Nachrichten an oder irgendwelche Sachberichte. Und das Einzige, was ich noch so ein bisschen regelmäßig mache, ist das Tracking unserer Webseite gucken.
Wer ist da drauf gewesen? Was hat er sich alles angeguckt? Was kann man da besser machen? Das sind so die Hauptdinge, die ich mit dem Internet beziehungsweise mit dem Smartphone mache. Ich komme noch mal abschließend zurück auf das Thema Unternehmenssoftware. Vielleicht noch mal eine Einschätzung von Ihnen, wenn Sie die heutigen Herausforderungen sehen oder die heutigen Marktveränderungen.
Vor welchen Herausforderungen steht Unternehmenssoftware, in Ihrem Fall natürlich insbesondere Warenwirtschaft oder ERP, heute und zukünftig ganz besonders? Das eine ist mal die Mobilität, dass es dort in der Richtung stark weitergehen wird. Das ist völlig klar, dass man sich die Auswertungen und wie viele Kunden waren gestern da, welchen Umsatz haben wir gemacht, alles auf dem Smartphone angucken kann als Chef. Das wird sicherlich im mobilen Bereich noch gehen.
Ansonsten sind wir jetzt gerade dran, so gut wir das als ERP-Hersteller können, und das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Punkt, dass das Branchen-Know-how im ERP-System steckt. Weil die Mitarbeiter draußen, wenn sie so ein Velux-Fenster konfigurieren sollen, mit Rollo und allem Drum und Dran, das erfordert so ein umfangreiches Wissen. Und das wollen wir über bestimmte Dienste direkt in die Branchensoftware reinbringen, dass der Mitarbeiter unseres Kunden geführt wird, wenn ein Kunden berät, was er in alles fragen soll und was es noch dazu alles geben könnte und so weiter.
Das, glaube ich, ist ein ganz wesentlicher Punkt in der Zukunft. Sehen Sie das auch als zentrale Herausforderung der Berufswelt, dass die Spezialisierung hier immer weiter zunimmt, man gar nicht so schnell in der technologischen Ausbildung hinterherkommen kann, um diese Spezialitäten, auch das Rollo, von dem Sie eben gesprochen haben, einbauen zu können und dass uns hier einfach auch die Unternehmenssoftware in Zukunft sehr viel geführter weiterhelfen kann? Auf jeden Fall. Also wir haben ja jetzt im Internetbereich, wenn Sie auf Amazon oder egal, wo Sie hingehen, da gibt es die Kategorien, da gibt es die technischen Daten, wie breit ist das, wie hoch ist das oder in welcher Breite gibt es das, in welcher Höhe gibt es das und in welchen Farben gibt es das und so weiter und so weiter.
Es kann ja ein Mitarbeiter bei 50.000 Artikeln gar nicht alles wissen. Da hat er sich bisher sein Katalog aufgeklappt, der war dann teilweise schon ein bisschen veraltet und hat sich dann mit dem Finger am Arm das rausgesucht, was er gerne wissen wollte. Und das müssen wir eben heute direkt auf dem Bildschirm zur Verfügung stellen, dass er sagen kann, brauchen Sie auch noch eine Gummidichtung mit dazu und brauchen Sie vielleicht auch noch das und das und das.
Dieses ganze Know-how, das ist Produkt-Know-how, das muss in die ERP-Systeme rein. Also es bleibt spannend. Wir werden auch weiterhin BWL jede Menge in die Systeme bringen müssen.
Wir werden die Technologien aktualisieren müssen. Ich glaube auch, dass nicht jeder Weggefährte, den wir heute im ERP-Bereich als Mitbewerber haben, diesen Technologiemigrationspfad schaffen wird. Ich wünsche Ihnen dafür alles, alles Gute, Herr Katerle-Böhm.
Ich möchte Ihnen ganz herzlich bedanken. Die letzten Worte gehören wie immer unserem Gast. Aus meiner Sicht herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.
Aber abschließend gebe ich das Wort an Sie. Es war auch eine sehr schöne Erfahrung, mit Ihnen gesprochen zu haben. Und ich bin ja Borussia Dortmund Fan, möchte aber mit einem Schalker Gruß dann enden und sagen Ihnen Glück auf.
Das wünsche ich Ihnen auch, alles Gute, herzlichen Dank. Alles Gute, Herr Dr. Winkelmann. Ihnen hat der ERP-Podcast gefallen und Sie konnten wertvolle Erkenntnisse gewinnen? Dann würde ich mich über eine Bewertung auf iTunes freuen, damit auch andere von diesem Podcast erfahren können.
Eine Anleitung für die Bewertung finden Sie auf www.erp-podcast.de. Dort finden Sie auch weitere Hinweise, Links und Aktualisierungen zu dieser Folge. Das war der ERP-Podcast für alle, die sich aktiv mit dem Einsatz und der Gestaltung von Unternehmenssoftware und den daraus entstehenden Veränderungen und Potenzialen in Unternehmen losgelöst von Fachzeitschriften, Büchern und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, zum Beispiel beim Spazierengehen oder Autofahren, auseinandersetzen wollen. Mein Name ist Axel Winkelmann.
Ich bin Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg.